Abschied von einem revolutionären Klang-Ästheten

Aspen Pittman revolutionierte die Musikindustrie im Detail. Die Idee Röhren zu selektieren und zu matchen stammt zwar nicht alleine von ihm, doch war er einer der ehrlichsten Namensgeber seiner Industrie: er nannte seine Röhren nämlich Groove Tubes.

Dabei begann Aspen Pittman seine ersten musikalischen Schritte auf akustischem, also nicht elektrifiziertem Gitarren-Terrain. Elektrische Instrumente schienen ihm nach eigener Aussage zu störanfällig, komplex und zu wenig intuitiv. Es störte ihn, erst so viel über deren Instandhaltung und Bedienung in Erfahrung bringen zu müssen, ehe man zu spielen anfangen konnte. Seine Idee, sich mit den Röhren als essentiellem Bestandteil der Soundqualität auseinanderzusetzen, bekam Pittman als er Ende der sechziger Jahre als Einzelhandels-Angestellter zur Gründung des Guitar Center in Los Angeles anfing – und schließlich dessen Store-Manager wurde. In den Siebzigerjahren begab sich Pittman dann zur Acoustic Control Corporation (ACC), die ironischerweise vorwiegend Solid-State-Verstärker für Akustik-Gitarren und E-Bässe anbot. Dort arbeitete er als Vertreter um die Verstärker den großen Ketten und Vertrieben nahezubringen. Doch wie wurde aus Pittman der Röhrenpapst, wie ihn viele nannten? Er selbst verglich die Idee, bei den Röhren ins Detail zu gehen mit dem Feinsinn eines anderen Titanen der Gitarrenindustrie: Ernie Ball. Ernie Ball vermaß und katalogisierte verschiedene Gitarrensaitentypen und sensibilisierte seine Kundschaft auf deren Unterschiede, kreierte sogar eigene Hybrid-Sätze. Zeitgleich zu Pittmans Überlegungen schossen Pickup-Hersteller wie Larry DiMarzio oder Seymour Duncan aus dem Boden, die die geneigten Gitarristen weiter auf unterschiedliche Soundcharakteristika achtsam machten. So dämmerte es Pittman zunehmend, auch die Röhren der Gitarrenverstärker auszutarieren. Die Röhre also nicht nur als Ersatzteil zu sehen, sondern auch als Gewürz- ähm entschuldigen sie – Gain-Faktor für Soundgourmets, so schwebte es ihm immer mehr vor.

Die Idee, Röhren mit Hilfe von Matching harmonisch klingen zu lassen, kam Pittman schließlich auf sogenannten Clinics, also verkaufsfördernden Lehr-Veranstaltungen des damaligen PA-Riesen, der auch seinerzeit Woodstock zum Klingen brachte: Macintosh Amplification. Ja, Woodstock wurde zu einhundert Prozent mit Röhren verstärkt – heutzutage unglaublich für ein Festival dieser Größe. Aber zurück zu Pittman. Es ist nämlich äußerst rührend, wie er auf die Idee kam, zuhause Röhren einzumessen und als gematchte Sets zum Verkauf anzubieten: Pittman musste seine Tochter als alleinerziehender Vater aufziehen und suchte händeringend eine Beschäftigung, welche er von Zuhause aus ausüben konnte. So gründete er im Jahr 1979 seine Firma Groove Tubes und belieferte quasi von Anfang an Edel-Amp-Schmieden wie Mesa/Boogie – und in der Folge Gitarristen wie Santana, Keith Richards und viele mehr. Auf den exquisiten Ruf der selektierten Röhren von Groove Tubes folgten schließlich Röhren-Vorverstärker, Röhrenmikrofone und schließlich auch Gitarrenverstärker. Denn Pittman war sich zeitlebens einer Sache sicher und er betonte stets: Alles, was mit Audio-Verstärkung zu tun hat klingt mit Röhren besser als mit Transistoren.

Immer auf der Suche nach neuen Ideen

Der Erfindergeist von Aspen Pittman war bis zuletzt ungebrochen und so revolutionierte er Anfang der Neunziger den Markt mit seinem unglaublich flexiblen Speaker-Emulator im 19-Zoll-Rack-Gewand. Das Gerät erlaubte es, einen 100-Watt-oder-weniger-starken Röhrenamp direkt an ein Mischpult anzuschließen und mittels intelligent gewählter EQ-Regler die Abnahme über eine Gitarrenbox und ein Mikrofon zu simulieren. Die internen Komponenten selbst reagierten wie ein Lautsprecher und bildeten so authentisch die Dynamik und das Ansprechverhalten eines Gitarrenstacks oder -combos ab. In einer zweiten Auflage konnte zusätzlich eine Gitarrenbox als Monitor angeschlossen und der Output des Amps auf 25 oder 50 Watt gedrosselt werden. Darüber hinaus spendierte man dem Speaker-Emulator einen parallelen Effekt-Loop, der den kompletten Power-Amp-Gain-Sound als Grundlage nahm, also wirklich ganz hinten in der Signalkette saß. Neben den begehrten Mikrofon-Preamps The Brick und MP-1 oder den genialen Röhrensockeln, die zur Leistungsreduzierung EL34- oder 6L6-Endstufenröhren ohne Biasing durch EL84 ersetzen ließen, war es vor allem die Gitarrenverstärker-Serie namens Soul-O, die Ton-Enthusiasten in Aufregung versetzte. Im Prinzip war der Amp, der in 30, 45 und 75 Watt erhältlich war, ein Zwei-Kanaler, aber einer mit außergewöhnlich gut klingenden Vorbildern: Der Clean-Kanal changiert genau zwischen Fender-Blackface- und Brownface-Modellen, während der Zerr-Kanal an einen Trainwreck oder Dumble-Amp erinnert. Der Clou: Die beiden Kanäle ließen sich zu einem einzigartigen Sound mischen. Eine seiner letzten großen Erfindungen war eine kleine handliche Lautsprecherbox, die auf wundersame Weise einen Stereo-Klang erzeugte, der überall im Raum gleich wahrgenommen wird. Dieses Patent verkaufte Pittman im Jahr 2008 zusammen mit seiner Firma Groove Tubes an Fender, die die Stereo-Technologie heute in ihren Acoustasonic-Amps – mit einem Hinweis auf ihren Erfinder auf jedem Etikett-Schild – anbieten. Die imposante Stereo-Box im Kleinformat bot Pittman zuletzt jedoch auch über seine spätere Firma Aspen Pittman Designs an – einer Firma die seine Best-Of-Compilation vermarktet, wie er bis zuletzt gerne witzelte.

Ein Leben, der Leidenschaft gewidmet

Am Freitag dem 9. August starb Aspen Pittman im Alter von 70 Jahren bei einem Auto-Unfall in Los Angeles. Es gibt wenige Menschen, die das Glück haben, ihr Leben lang einer Leidenschaft treu bleiben und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Unter diesen gibt es wiederum noch weniger, die ihr Wissen gerne teilen, sich kritisch mit in die Jahre gekommenen Designs auseinandersetzen und sich selbst immer wieder zu Neuem anstoßen. Aspen Pittman war einer dieser Menschen und wir als guitar-Redaktion danken ihm für sein Tun.

Text: Philipp Opitz