AC/DC – Ehrlich bis auf die Knochen (Legends-Special)

Am 18. November dieses Jahres verstarb Malcolm Young, Rhythmusgitarrist und alleiniger Gründer von AC/DC – und deren Rückgrat. Um die Sound-Geheimnisse der Starkstromaustralier zu entschlüsseln, muss man sich dann doch etwas genauer mit den vermeintlich so einfachen Gitarren- und Bass-Parts beschäftigen.

Das begleitende Video zum Workshop seht ihr hier!

Es ist paradox: AC/DC-Riffs und die dazugehörigen Basslinien gehören mit zum Simpelsten, was der Rock’n’Roll zu bieten hat. Aber genau diese Riffs sind es auch, an denen unzählige Gitarristen und Bassisten scheitern. Fast jeder wird sich schon mal in der Situation wiedergefunden haben, den Versuch, im Proberaum mal eben „Back in Black“ oder „You Shook Me All Night Long“ zu spielen, nach kurzer Zeit entnervt abzubrechen – es rockt nicht, es groovt nicht, irgendwie klingt es einfach „falsch“.

Um zu verstehen, warum AC/DC-Songs in 90 Prozent der Fälle, in denen sie nicht von Angus, Malcolm, Cliff und Phil gespielt werden, einfach nicht so klingen, wie sie sollten, müssen wir tief in den Kosmos des AC/DC-Sounds einsteigen – denn es gibt eine ganze Menge zu beachten, will man die Kracher der Aussie-Rocker authentisch nachspielen oder eigene Riffs in diesem Stil entwerfen.

Groove, Präzision, Rhythmik, Komposition und Sound: Diese Eckpfeiler machen die einzigartige Magie aus, die die Starkstromer von jeher umwabert. Und sie gilt es bei unserer Analyse gesondert auseinanderzunehmen.

Let’s crunch!

Beginnen wir mit dem einfachsten Punkt, der sich noch ohne viel instrumentales Können realisieren lässt: dem Sound. Hier lernt man bereits: Es kommt auf die richtige Verzahnung an. Angus und Malcolm ergaben zusammen so ein ungemeines Brett, weil sie ihre Sounds bei allen Ähnlichkeiten zuvor perfekt aufeinander abgestimmt haben.

Zunächst braucht man dazu die richtigen Amps – und die sollten eindeutig britischer Prägung sein. Ob nun Marshall, Orange oder Mesa/Boogie auf dem Firmenschild steht, ist eher sekundär – Hauptsache, man kennt die richtigen Settings. Ein unumstößlicher Grundsatz des AC/DC-Sounds ist: Mitten rauf, Gain runter! Malcolm spielte sein beinhartes Rhythmusbrett meist nahezu clean, höchstens leicht angezerrt. Den Punch erreichte er vielmehr durch die Verwendung dicker .012-.056er-Saiten sowie 
einen extrem mittenlastigen Sound. (Und 
natürlich den harten Anschlag, doch dazu später ...)

Spielt man, ganz originalgetreu, einen Marshall Plexi oder alternativ einen Orange, ist der letzte Punkt sowieso geschenkt, denn diese Amps gehen von sich aus schon voll durch die Mitte. Bei anderen Herstellern wie Engl oder Mesa muss man hingegen etwas herumexperimentieren.

Die Hauptamps von Malcolm waren 100 Watt starke Marshall-1959-SLP-Plexis oder 200 Watt starke Marshall-Majors. Den Vogel schossen eindeutig die 400 Watt starken australischen Wizard-Amps ab, die der Meister in den neunziger Jahren verwendete. Die hohe Leistung hat dabei durchaus ihren Sinn: Sie liefert genug Headroom, um auch bei höchsten Lautstärken relativ clean zu bleiben.

Die stilechte Malcolm-Gitarre sollte natürlich Humbucker und einen straffen Soundcharakter mitbringen. Wer’s ganz originalgetreu wünscht, kann sich die Gretsch Malcolm Young Signature zulegen, die zudem mit dem entsprechenden Filtertron-Humbucker ausgerüstet ist. Eine normale Paula tut’s aber in der Regel auch.

Bei Angus geht es schon etwas verzerrter zur Sache – doch auch er hat meist weniger Gain, als man vermuten würde. Auch hier sollte der Sound natürlich britisch-mittenlastig eingestellt werden.

Angus selbst spielt hauptsächlich 45 Watt starke Marshall-JTM-45-Tops über 4x12er Boxen mit Vintage-30-Speakern. Zwar gönnte auch er sich zeitweilig eine gesunde Portion Größenwahn und ließ sich einen Custom-Marshall mit 350 Watt bauen, kehrte aber immer zu den eher leistungsschwächeren Modellen zurück.

Klar: Weniger starke Amps gelangen schneller in die Endstufensättigung, sprich: zerren wesentlich früher. Das sorgt dann mit der brettigen Gibson SG als Hauptgitarre und den dünneren .009–.042er-Saiten für einen schneidenden, weniger voluminösen Sound, der den des Bruders perfekt ergänzt hat. So legte Angus nämlich nur noch die sprichwörtliche Butter auf Malcolms Rhythmusbrot.

Text: Michael Wagner
Foto: Getty Images

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