Billy F Gibbons und der große, böse Blues

Wenn ZZ Tops Frontmann Billy Gibbons Bock auf Blues hat, dann sollte man den Mann mal machen lassen. Auf dem aktuellen Album The Big Bad Blues widmet er sich seinen großen Vorbildern. Ein Gespräch über Muddy Waters, Bo Diddleys fetten Sound und die extraordinäre Songwriting-Idee seiner Frau.

Billy, wie hast du denn deine Mannschaft für dein neues Soloalbum zusammengetrommelt bekommen?

Das ergab sich irgendwie alles sehr spontan. Mein Kumpel Greg Morrow [d] kam zu mir zu Besuch nach Houston, als wir mit unseren ersten Jams loslegen wollten. Er hatte lediglich ein Zeitfenster von drei Tagen zwischen seinen eigenen Tourdates. Also schnappte ich mir ein paar Drumsticks, drückte sie Greg in die Hand, mein Freund Joe Hardy schnallte sich seinen Bass um, und eh wir es uns versahen, zockten wir gemeinsam ein paar herrlich groovende Blues-Songs – nur das Zeug, auf das wir alle Bock hatten, sonst nichts. Nach drei Tagen Jam musste Greg sich wieder seinen eigenen Touraktivitäten widmen. Bevor er sich allerdings verabschiedete, fragte uns unser Basser Joe Hardy plötzlich, ob wir nicht mal in das reinhören wollten, was wir in den vergangenen drei Tagen so aufgenommen hätten. Ich fragte nur erstaunt: „Was!?“ Und Joe sagte, dass er die ganzen letzten Tage einfach mal komplett mitgeschnitten hätte.

Aber das ist doch super!
Auf jeden Fall! Ich meine, wir kennen das doch alle. Sobald die rote Recording-Lampe an ist, spielt man einfach verkrampfter. So wusste aber keiner von uns, dass das Band die ganze Zeit mitlief, und wir zockten alles völlig natürlich und mit ’nem guten Feeling. Wir hatten am Ende an die zwanzig Songs, von B. B. King über Jimmy Reed bis zu Muddy Waters und Guitar Slim. Aber die zwei Songs von Muddy Waters, „Rollin’ and Tumblin’“ und „Standing Around Crying“ gefielen uns ganz besonders. Richtig tricky war es, dem Bo-Diddley-Song „Crackin’ Up“ mit seinem ziemlich krassen Groove gerecht zu werden. Der Song hat uns echt bei all seiner Einfachheit ein paar lange Abende des genauen Hinhörens gekostet.

"Der Sound kommt tatsächlich komplett ohne Bass aus." 

Speziell für die Bo-Diddley-Nummer hast du auch wieder zu einer besonderen Gitarre gegriffen, oder?

Ich wollte den besonderen Gretsch-Sound für eben diese Nummer von Bo. Es lag also nahe, die etwas modernere Version der Gretsch Billy Bo für diese Songs herzunehmen. Auch wenn es die moderne Variante einer Gretsch ist, so verfügt sie ganz klar über diesen speziellen Sound, den nur eine Gretsch liefern kann. Diese Gitarre hörst du aus allen anderen Gitarren heraus.

Über welche Amps hast du deine Gretsch Billy Bo gespielt?

Wir haben eine Kombination aus einem sehr alten 18-Watt-Marshall-Combo und einem Super Fifty-Nine von Magnatone benutzt.

 

Nur die Gretsch, ein Kabel und die beiden Amps direkt, oder gab es noch andere Effekte?

In der Tat durfte ein ebenfalls antikes De-Armond-Tromolo für den Bo-Diddley-Sound nicht fehlen. Das Coole an diesem Trem von DeArmond ist, dass es gleichzeitig auch eine Art analoges Delay mit sich bringt. Ich bin Bo Diddley sehr dankbar, dass er mir einmal verriet, wie er seinen Sound auf seinen Aufnahmen in den Fünfzigern zusammengesteckt hat. Man kann sich das heutzutage kaum vorstellen, dass man auf diesen Alben eigentlich nur Gitarre, Drums und Maracas hören kann. Der Sound kommt tatsächlich komplett ohne Bass aus. Man vermisst den Bass auf diesen Aufnahmen auch nicht, weil der Gesamtsound trotzdem fett klingt.

Du hast mittlerweile auch dein eigenes Mikrofon, das BFG V7 von der Firma SE Microphones. Hast du damit auch im Studio aufgenommen? 

Das Teil ist nicht nur ein vortreffliches Gesangsmikro, wir habe es im Studio sogar dafür eingesetzt, um meinen Marshall und meinen Magnatone Super Fifty-Nine abzunehmen. Die Resultate waren am Ende bestechend gut und haben sogar meinen Sound-Engineer Mr. G. L. Moon überzeugen können.

Es gibt auf The Big Bad Blues aber noch ein paar mehr Sounds, die von deinen Mitstreitern extrem cool eingezockt wurden. 

Oh ja, während unserer Sessions bekamen wir plötzlich Besuch von Mundharmonika-Ass James Harman, der ebenfalls seinen Teil zum Sound der Songs besteuerte. Mike Flanigin kam aus Austin, Texas, eingeflogen und spielte die Piano-Parts ein. Und natürlich hatte Matt Sorum an den Drums seinen Anteil am Blues. Und natürlich nicht zuletzt Austin Hanks – ein sehr cooler Linkshändergitarristen.

 

Lass’ uns über Songs und Sounds sprechen. „Second Line“ versprüht zum Beispiel einen unwiderstehlichen New-Orleans-Vibe. Wie kam dieser Sound zustanden?

Die wahrscheinlich einfachste Antwort darauf wäre, dass Houston in Texas unweit der Texas-Louisiana-Grenze liegt. Na ja, und dass New Orleans einiges in Sachen Musik, Essen und Kultur zu bieten hat, macht es natürlich interessant für jedermann. Allein die Musik- und Kulturszene ist dort so reichhaltig wie in kaum einer anderen Stadt der USA. Der Titel des Songs ist eine Hommage an die berühmten Brassbands, die durch New Orleans marschieren und spielen, wenn dort eine Beerdigungsprozession stattfindet. In der ersten Reihe, die hinter dem Sarg marschiert, befinden sich die Freunde und Familie des Toten. Und hinter der ersten Reihe, der second line, laufen die Leute, die rein für das Entertainment der Prozessionen gekommen sind. Diese Leute müssen sich auch nicht so formal kleiden oder verhalten wie die Angehörigen. Die zweite Reihe … oh Mann, die lassen es meistens ganz schön krachen. Dort wird jede Menge getanzt und gefeiert. Und von eben diesem Vibe und Groove der Second-Liner erzählt dieser Song.

Es gibt noch einen weiteren coolen Twist auf deinem neuen Album, und das ist die Story zum Opener „Missin’ Yo Kissin’“. Denn genau dieser Song stammt aus der Feder deiner Frau Gilligan Stillwater. Wie hat sie dir denn diesen Song auf den Leib schneidern können?

Haha! Nun, es war eher so, dass der Song auf einer Notiz von ihr beruht, die sie niederschrieb, als sie auf mich während der Aufnahmen im Control-Room der Foam Box Recording Studios wartete. Als wir dann später in den Control-Room kamen, sagte Mr. Hardy mit Blick auf Gilligans Notiz:  „G! Sie hat auf den Zettel ‚Missin’ Yo’ Kissin’‘ geschrieben!“ Und ich sagte: „Oh! Wie süß. Ich hoffe nur, dass sie damit auch mich gemeint hat!“
Als sie später zurück ins Studio kam, sprach ich sie noch einmal drauf an, und sie sagte: „Ja, und lies dir die Notiz gut durch, denn dort steht, dass Blumen okay sind, Chanel und Diamanten auch, aber das wichtigste sind deine Küsse!“

Einige Fans werden überrascht sein, dass du auf deinem neuen Album neben der Gitarre auch noch ein anderes Instrument bedienst, mit dem man dich so bis jetzt noch nicht gesehen hat …

Ja, ich bekam in jüngster Vergangenheit Besuch von dem Hohner-Kollegen Morgan Frank. Er hatte ein sehr überzeugendes Paket Hohner-Harps für mich zusammengestellt. Darunter eine in der Tonart B-, eine in F- und eine in G-Dur – haha! Das BFG-Paket. Und das tatsächlich genau zu dem Zeitpunkt, zu dem wir gerade „Missin’ Yo’ Kissin’“ aufnahmen. Du wirst als nächstes in den USA mit deiner Soloscheibe auf Tour gehen. Werden wir dich denn mit dem Material und dieser coolen Band auch bald hier in Europa sehen? Die Tour in den Staaten steht, aber es gibt auch jetzt schon Interesse aus England und Europa. Wir versuchen, den Ball am Rollen zu halten. So habe ich die Chance und noch etwas mehr Zeit, an meinen Mundharmonika-künsten zu arbeiten … haha!

Text: Marcel Thenée

Fotos: (c) Blain Clausen

Billy Gibbons weiß, worauf es in Sachen Sound ankommt

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