Ghost – Dem Teufel ein Ständchen (Workshop)

Erst 2010 gegründet, haben sich die schwedischen Okkult-Rocker Ghost in Windeseile auf die großen internationalen Bühnen gespielt. Das Konzept aus Heavy Metal mit Pop-Appeal und der Verhohnepipelung von religiösem Symbolismus geht voll auf. Grund genug, der namen- und gesichtslosen Riffgewalt mal etwas genauer auf die Finger zu schauen.

Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Band beginnt im Jahr 2010. Ein Satz, der, wie so vieles bei Ghost, zugleich zwar an sich wahr und dennoch total falsch ist. Denn eigentlich sind Ghost gar keine richtige Band, und eigentlich existiert das ganze Konzept schon deutlich länger. Zumindest, wenn man Tobias Forge glauben darf, dem Gesicht hinter dem Latextotenkopf von Papa Emeritus I, II und III. Er bestreitet das Gros der Interviews verkleidet als einer seiner Backing-Ghouls. In Fan-Kreisen trägt dieser durch seine gewählte Ausdrucksweise und intensive Gestik leicht wiederzuerkennende Ghoul mittlerweile den Titel „Special-Ghoul“.

Vor seinem Ausstieg im Juli 2016 war auch der großgewachsene Gitarristen-Ghoul Omega immer mal wieder in Interviews zu sehen. Der schwedische Musiker Martin Persner outete sich kürzlich als Ex-Omega. In seiner nun wiederbelebten Band Magna Carta Cartel hatte früher auch Tobias Forge mitgewirkt. Überhaupt ist es wahrscheinlich, dass zumindest die erste Ghost-Inkarnation von 2010 teils aus Musikern bestand, mit denen Forge bereits zuvor bei seiner Death-Metal-Combo Repugnant oder den softeren Subvision unterwegs war. Aber wie es im Bayerischen so schön heißt: „Nix g’wiss woaß ma ned.“

Lass das den Papa machen


Inzwischen hat der Ghost-Frontman die musikalischen und finanziellen Zügel fest in der Hand. Ein wenig zu fest vielleicht, denn zu Beginn dieses Jahres kam es zu einer Klage ehemaliger Bandmitglieder, laut derer Forge „die Band zu einem Soloprojekt mit angeheuerten Musikern umfunktionieren“ will. Ein Unterfangen, das laut dem Papst-Impersonator überhaupt nicht nötig ist, denn „Ghost 
waren noch nie eine richtige Band. Es war 
immer eher so wie bei Bathory, wo du manche Musiker hast, die live spielen, und das sind nicht immer dieselben, die auch im Studio 
sitzen.“

Genau nachzuvollziehen, wie oft die Ghouls-Masken nun schon weitergereicht wurden, fällt einem als Außenstehender schwer – ein gutes Dutzend Musiker sollen schon gekommen und gegangen sein. Das Konzept mit den verhüllten Musikern geht zumindest dahingehend voll auf. Dabei geht es bei der Maskerade um etwas ganz anderes: „Wir verfolgen eine hundertprozentige Show-Erfahrung für das Publikum. Es soll mehr sein als Musik. Wir wollen die Grenze zwischen Theater und Show durchbrechen und eine cineastische Wirkung wie bei einem Film oder einem Theaterstück entfachen.

Viele Filme werden aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet, je nachdem, ob man die Schauspieler kennt oder nicht. Wie viele Bands gibt es, die damit werben, dass bei ihnen Bassist A von Band B spielt. Wir haben das genaue Gegenteil getan und wollten all diese Verweise ausblenden. Es sollte nur um die Musik und die Show gehen“, gab Papa Emme dem metal-mirror im Interview zu verstehen.

Die fehlende Anerkennung als Musiker, die damit einhergeht, unerkannt zu bleiben, war laut unserem PR-Ghoul mitunter auch ein Grund für das sich stetig drehende Musiker-karussell: „Ich selbst bin quasi rund um die Uhr mit Ghost beschäftigt, deshalb spielt das für mich nur eine untergeordnete Rolle. Aber einige Musiker, die in Ghost waren und mit der Band nahezu ausschließlich im Live-Kontext zu tun hatten, wollten sich irgendwann einfach freier entfalten und mehr gesehen, mehr mit sich selbst als Person identifiziert werden.“

Dass Ghost sich auch musikalisch nicht auf einer Schiene festfahren, hat weniger mit der wechselnden Besetzung zu tun. Denn die Musik stammt hauptsächlich aus der Feder des Schweden mit der teuflischen Latexvisage. Der hat eine ziemlich klare Vision davon, was musikalisch und Performance-technisch zu passieren hat. Diese umfasst sogar Alben, die noch weit in der Zukunft liegen, sowie eine ausufernde theatralische Bühnenshow à la Rammstein.

Doch dafür muss der Bandgeldbeutel erst noch dicker werden. Das erste Album Opus Eponymous von 2010 war noch stark an klassischen Doom und verschiedene Metal-Spielarten angelehnt und bewusst rau und „Lo-Fi“ produziert. Wie nah am Pop sich die Band bewegt, wird wieder und wieder in den starken, eingängigen Refrains klar. „Elizabeth“ [Bsp. 3] von ebenjenem 
Debütalbum ist das perfekte Beispiel für diese Vielseitigkeit.

Das Death-Metal-inspirierte Hauptriff steht in krassem Kontrast zu dem pop-rockigen Refrain mit großen Melodiebögen. Zusätzlich bekommt das Riff im Original – wie das bei Ghost oft der Fall ist – von der zweiten Gitarre durch nicht immer tonarteigene Terzen diesen besonderen, zwielichtigen Charakter verpasst.

Die Initialzündung zu Ghost gab das Riff von „Stand by Him“. „Ich dachte mir damals, das muss das heftigste Metalriff aller Zeiten sein. Als mir dann der Chorus einfiel, hat er mich regelrecht verfolgt. Wann immer ich eine Gitarre in die Hand nahm, habe ich am Ende diese Akkordfolge gespielt. Sie schien geradezu nach einem satanistischen Text zu schreien“, fasst ein hörbar begeisterter Ghoul die grundsteinlegende Proberaumerfahrung zusammen ...

Autor: Alexander Pozniak
Fotos: Getty Images, Mikael Eriksson


Den kompletten Workshop mit allen Noten/TABs zu den heftigsten Ghost-Riffs sowie Soundfiles auf CD findet ihr in guitar 8/17 – hier als Print- oder Digitalausgabe bestellen!

Ghost Papa Emeritus und Ghouls Promo