Gretsch G5222 Electromatic Double Jet

Double-Jet-Korpusform und Natural-Finish, das kommt uns doch bekannt vor. Richtig, das waren Kernmerkmale der Malcolm Young Signature, die alllerdings auch „Ballbreaker“-mäßig eine richtige Kerbe ins Portemonnaie schlug. Die G5222 könnte eine Alternative sein

Gretsch G5222 Electromatic Double Jet - Das hätte Malcolm gefallen

Gretsch sind zu Unrecht mit dem Rockabilly-Klischee „behaftet“, denn die Gitarren können mehr. Zugegeben, Brian Setzer ist ein einprägsamer Botschafter und auch die Kollegen am Gretsch-Stand auf der diesjährigen NAMM waren mit Boots und Elvis-Tolle in der Tat adäquat gekleidet. Dort vorgestellt wurde auch vorliegende G5222 Electromatic Double Jet, die somit die Electromatic-Serie um die Double-Jet-Reihe erweitert.

Und um jetzt den Bogen zurück zu den Klischees zu schlagen, die G5222 erinnert einen auf den ersten Blick an die Malcolm Young Signature – und das nicht ganz unabsichtlich. Der Kollege am Gretsch-Stand meinte noch sehr lässig „Yeah, schaut definitiv etwas wie die Malcolm aus. Aber verrat’s keinem …“ Ja, sorry, ist mir rausgerutscht … Aber zurück zum Instrument und den Zutaten: Die G5222 kombiniert einen „gechamberten“ Mahagoni-Korpus mit einer Ahorndecke. „Chambered“ wie der Amerikaner sagt, bezeichnet nichts anderes als Ausfräsungen im Massivkorpus. Der überwiegende Teil der Semi-Akustiks besteht aus gesperrten Hölzern, die in Form gepresst werden. Archtops und Jazz-Mamas wie sie etwa Stefan Sonntag in Augsburg oder Joe Striebel in Wolfratshausen meisterlich bauen, bestehen in der Regel aus massiven Decken und Böden, bei denen die Wölbung aus einem massiven Block geschnitzt wird. Beim Chambering werden aus einem massiven Block Teile herausgefräst, so dass Boden und Zargen aus einem Stück bestehen, die Zargen also stehengelassen werden. Meistens wird noch ein Sustainblock in der Mitte und eben genügend Holz für die Aufnahme der Brücke und der Pickups stehen gelassen. Genau so ist das bei unserer vorliegenden G5222 passiert. Als Brückenkonstruktion haben die Gretsch-Kollegen nicht das typische Bigsby oder das 60s Jet Vibrato der G6131 Malcolm Young Signature übernommen, sondern eher etwas Handfestes. Hier gibt’s eine Tune-o-Matic-Bridge in Kombination mit einem V-Stop-Tailpiece – solide und in Sachen Intonation eine der komfortabelsten Lösungen.

Der Hals besteht ebenfalls aus Mahagoni und ist wie Rückseite und Zargen des Korpus' deckend schwarz lackiert. Gretsch nennen das Gloss, es glänzt recht ordentlich. Bei der Malcolm-Signature wurde Semi-Gloss lackiert, das war etwas matter. Letztlich auch zweitrangig, es fühlt sich gut an, die Hand wird durch den Lack nicht ausgebremst. Klar, wer nur auf geölte Ahornhälse steht, für den ist das eher nix. Wer auf einer Paula klarkommt, für den ändert sich wenig. Das Halsformat geht als angenehmes U durch, es füllt die Hand aus, wirkt aber nicht klobig. Ein wenig umgewöhnen muss man sich, wenn man überwiegend moderne D- oder flachere C-Profile im heimischen Gitarren-Arsenal hat. Das ist aber auch keine High-Speed-Kanone, werte Leserschaft, hier geht’s um kernige Riffs und saftige Licks, gerne mit einer Dosis Blues versetzt.

Im Griff

Alles im Griff hat man mit dem Griffbrett aus Laurel, einem Holz, das im Zuge der CITES-II-Beschränkungen für Palisander als Alternative ins Blickfeld vieler Gitarrenbauer gerutscht ist. Laurel wird auch als Brasilianischer Nussbaum bezeichnet und unter anderem im Möbelbau verwendet. Als Griffbrett macht es eine gute Figur, die braun-rötliche Färbung passt optisch hervorragend und harmoniert mit dem Kunststoffbinding und den Gretsch-typischen Thumbnail-Inlays. Ein Kunststoff-Sattel, sauber gefeilt nebenbei, und gekapselte Mechaniken in Chrom-Optik ergänzen den Rest vom Hardware-Schützenfest.

Als Tonwandler kommen Black Top BroadTrons zur Anwendung, die mittels Dreiweg-Toggle-Switch in traditioneller Weise verwaltet werden: Steg – Steg & Hals – Hals. Eins darf bei einer Gretsch natürlich niemals fehlen: das Mastervolume und das Mastertone. Wer also vermutet hat, dass sich die vier Potis hier gleichförmig auf einmal Volume und einmal Tone je Tonabnehmer verteilen, dem sei gesagt, dass dem nicht so ist. Die G5222 besitzt je Tonabnehmer ein Volume, dazu gesellen sich ein Mastertone und ein Mastervolume. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn man beide Pickups in Kombination nutzt, den jeweiligen Signalanteil mittels individuellem Poti eingestellt hat und dann diesen Sound in seiner Gänze über das Mastervolume-Poti einpegelt. Wer das nicht braucht, der dreht Master einfach komplett auf und nutzt nur die anderen drei Potis, kein Problem.

Rock’n’Roll oder was?

Jetzt kann man AC/DC gut finden oder nicht (Hahaha! Ist natürlich gelogen, AC/DC muss man gut finden), aber wer diese Gretsch zur Hand nimmt, der dürfte durchaus Gefallen an knochentrockenen Riff-Sounds finden. Ganz im Ernst, die G5222 an einen crunchenden Amp britischen Couleurs und man hat den Instant-AC/DC-Sound – gnadenlos ehrlich, staubtrocken und mit einer dynamischen Offenheit, die angesichts des aufgerufenen Preises dieser Fernost-Gretsch von gut 500 Schleifen mehr als beeindruckend ist! Der Kollege am Steg drückt seinen offenen und mittenbetonten, stets irgendwie knurrigen Charakterstempel mitten in die Vorstufe und hinten raus tritt dir dann ein staubiger, australischer Cowboystiefel direkt dahin, wo’s wehtut! Super, da kommt Freude auf.

Im Cleanbereich sind die BlackTops fast ein wenig heiß, hier Obacht geben, wenn man wirklich cleane Jingle-Jangle-Sounds will. Kombiniert man Steg und Hals, tönt es glockig-hohl, cool für dezent-zerrende Double-Stops oder Jimmy-Reed-Boogies. Ja, auch das Intro von „Sweet Home Alabama“ klingt ganz hervorragend in dieser Stellung. Der BlackTop am Hals tönt naturgemäß wärmer, allein schon seiner Position wegen, versetzt einen derart aber auch in die Lage, cremig-singende Solo-Sounds abzuliefern. Überhaupt schlägt sich diese Electromatic-Double-Jet hervorragend mit viel Gain: Mahagoni, Ahorn, Doppelspuler – das ist ein Trio, das einfach funktioniert.

Hier darf also durchaus auch richtig gehämmert werden, wenngleich sie dafür sicher nicht explizit konzipiert wurde. Gut, die Strat wurde auch nicht explizit für Blackmore oder Malmsteen konzipiert, funktioniert in deren Händen ja aber ebenfalls tadellos.

Das bleibt hängen

Eine Gretsch als Nischen-Country- oder Rockabilly-Gitarre? Blödsinn. Wem der letzte Beweis gefehlt hat, um dieses Klischee endgültig ad acta zu legen, der greife zur G5222 Electromatic Double Jet und lasse sich von ihr eines Besseren belehren.

Eine einwandfreie Verarbeitung, eine knochentrockene und charakterstarke Tonausbeute und nicht zuletzt der zweifellos vorhandene Malcolm-Charme in Verbindung mit dem fairen Preis machen die G5222 zu einem idealen Einstieg in die Gretsch-Welt! Auschecken!

Stephan Hildebrand

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Foto: Nicole Marek