Interview: DeWolff

Die Geschichte von Tascam Tapes klingt im ersten Moment wie das Hirngespinst einer ausgefuchsten PR-Agentur: eine Band, ein Vier-Spur-Rekorder und pure Kreativität. DeWolff-Gitarrist und -Sänger Pablo van den Poel erzählt im guitar-Schnack die ganze Story, die realer und bodenständiger nicht sein könnte.

Pablo, Tascam Tapes habt ihr mit einem gebrauchten, 50 Dollar „teuren“ Tascam Porta Two aufgenommen. Diese radikale Do-It-Yourself-Methode ist für eine Band, die bei einem Label unter Vertrag steht, recht ungewöhnlich ...

Pablo van den Poel: Die Idee fiel uns spontan ein. Je mehr wir darüber nachdachten, desto lustiger fanden wir sie. Immerhin besteht bei jedem neuen Album die Chance, dass es der Durchbruch im Mainstream werden könnte. Wir mussten ständig über die eigentlich nicht existenten Produktionskosten lachen und glaubten realistisch gesehen eigentlich nicht daran, dass gerade diese Scheibe, die komplett ohne Druck und der üblichen Vorgehensweise exakt in diese Richtung schießt. In unserer Heimat Holland sind wir schon mit der Vorab-Single „It Ain‘t Easy“ in der Heavy-Rotation bei den großen Radiosendern gelandet.

Meinen Bandkollegen und mir geht es eigentlich immer darum, bei jeder neuen LP nicht auf ausgelatschten Pfaden zu trampeln, sondern jede Kreativphase spannend zu gestalten. Der Tascam Porto Two war in diesem Fall nur der erste Schritt dieses Gedankengangs. Das Gesamtbild vervollständigte sich schließlich mit einem alten, batteriebetriebenen Synthesizer und dem Einsatz einer Auswahl Vintage-Soul-Drum-Loops. Da wir nicht an ein Studio gebunden waren, konnten wir ganz gechillt während der kompletten letzten Tour am Material feilen. Das passierte entweder vor dem Soundcheck, nach dem Dinner oder in unserem „Tourbus“ – einem Mercedes Sprinter.

Ohne diese Details könnte man die Produktionsgeschichte von Tascam Tapes im Hinblick auf die Klangqualität für eine Ente halten …

Den Sound in seiner jetzigen Form zu kreieren war eigentlich ziemlich einfach. Die Lautsprecher platzierten wir bei den Sessions im Van kurzerhand unter der Rückbank. Da gab es keinerlei Raum für Details, sondern es ging uns nur um das Gefühl in der Magengrube. Klar hätte das auch scheiße klingen können, aber das tat es nicht und wir hielten diese Momentaufnahmen auf Tape fest. Die Inspiration floss sprichwörtlich aus jeder unserer Poren.

Nach der Tour hörten wir uns alle Takes im Homestudio an und waren begeistert, was mit dem geplanten Minimalismus möglich wurde. Zum Beeinflussen des Sounds standen uns beim Tascam lediglich ein Treble-, Bass- und Gainpoti zur Verfügung. Vor diesem ganzen Experiment hätte ich nie geglaubt, dass auf diese Art und Weise ein tightes Album entstehen kann.

Abseits von DeWolff habe ich in den letzten sechs Jahren mit ungefähr 50 Bands an ihren LPs gearbeitet. Wenn man so in einem Thema verwurzelt ist, lernt man Schritt für Schritt, auf was es wirklich bei einer Aufnahme ankommt und wo die eigenen Vorlieben liegen. Natürlich sprechen wir im Gegensatz zu diesen Produktionen bei Tascam Tapes von einem gewollten Lo-Fi-Klang, der – wenn man sein Handwerk versteht – etwas leichter umzusetzen ist als ein High-End-Sound.

Mit Tascam Tapes habt ihr euch – bewusst oder unbewusst – von der in der Vergangenheit über euren Köpfen schwebenden „Retro-Rock-Keule“ meilenweit entfernt.

Diese Einschätzung gefällt mir. Uns ging es von Anfang an nie darum, Künstler XY zu kopieren. Klar hören wir privat verdammt viel alten Blues oder Soul, aber aus irgendeinem Grund hat sich bei keinem Jam im Proberaum einer dieser Stile in denVordergrund gedrängt. Alles klingt irgendwie mehr nach klassischem Rock. Hätten wir allerdings diese Vorliebe für Blues und Soul nicht, wären DeWolff definitiv eine komplett andere Band und würden vielleicht Hardrock spielen. Es geht also einmal mehr um Inspiration. Dabei blenden wir auch stets die Erwartungshaltung unserer Fans oder der Plattenfirma aus. Dieses Mal hört das Kind auf den Namen Tascam Tapes – die nächste LP könnte durchaus ein Countryalbum werden, wer weiß das schon ... (schmunzelt)

Im Endeffekt geht es doch immer darum, dass du zu einhundert Prozent hinter dem, was du tust, stehen kannst und dabei schlicht auch enorm viel Spaß verspürst.

Werdet ihr eurem Stil treu bleiben?

Das Problem vieler Bands – und das sollte jetzt bitte nicht als Angriff gewertet werden – ist, dass es ihre einzige Prämisse zu sein scheint, wie diese oder jene Band aus der Vergangenheit zu klingen. Unterm Strich ist das dann nichts anderes als eine Kopie und alles andere als kreativ. Das Konstrukt, das dadurch entsteht, ist meiner Meinung nach ziemlich blutleer.

Wie würdet ihr euch selbst verorten?           

Wir möchten nicht zwingend als Classic-Rock-Act wahrgenommen werden. Wenn man uns diesen Stempel aufdrückt, ist das natürlich kein Ding. Wir sehen DeWolff eher als Spielplatz für drei schrankenlose Charaktere.

Passend dazu ist Tascam Tapes eine knapp 32-minütiger Mix verschiedenster Genres und emotionaler Stimmungen…

Ja, knapp achtzig Prozent unserer Songs entstanden auf Tour. Diese Spontanität ist für mich auch die Hauptinspiration meiner Texte. Die Zeitfenster zwischen den Shows waren verständlicherweise sehr begrenzt und es bleibt nicht viel Raum, um Ideen kaputt zu denken. Wenn eine gute Idee im Raum stand, ist sie sofort festgehalten worden. Bei unseren vorherigen Alben lief das komplett anders ab und wir überarbeiteten so ziemlich alles vor den Aufnahmen.

Text: Chris Franzkowiak
Fotos: Satellite June, Dirk van den Heuvel, Julien Dupeyron

Dieses Interview und viele weitere spannende Themen findet ihr in der guitar 03/2020. Holt euch die Ausgabe hier im PPV-Shop!

DeWolff