Interview: Kirk Windstein

guitar hat mit dem Crowbar-Gitarristen über sein erstes Soloalbum Dream In Motion gesprochen.

Die erste Solo-Scheibe Dream In Motion von Crowbar-Ikone Kirk Windstein trägt klar seine musikalische Handschrift, und ist dennoch anders geworden. Mit mehr Melodien als jemals zuvor in seiner Karriere, melodiösen Vocals und einem großen Anteil cleaner Gitarrenflächen erinnert sich die Sludge- und Doom-Legende mehr denn je seiner Classic-Rock-Wurzeln. 

Worin unterscheidet sich das Songwriting zu Dream In Motion von deiner Hauptband Crowbar?

Die Songs meines Solo-Albums spiegeln noch einmal eine andere Seite meiner Songwriting-Persönlichkeit wider. Bei Crowbar gibt es bestimmte Parameter für das Songwriting, wenngleich auch dort dann und wann ruhigere Songs und Melodien auftauchen. Auf Dream In Motion gibt es haupsächlich melodiöse und eingängige Songs. Mein Musikgeschmack ist doch recht facettenreich. 

Hattest du dir das Album genau so vorgestellt?

Die ursprüngliche Idee bestand darin, ein Akustik-Album aufzunehmen. Das Label hatte darüber nachgedacht, bis sie dann sagten, dass man das alles auch schon zur Genüge gehört hat. Sie sagten, dass es vielleicht cooler wäre, wenn ich so was in der Art wie Zakk Wyldes Book Of Shadows machen könnte. Also ein Album, auf dem auch Drums und Bass zu hören sind – und nicht bloß Akustikgitarren. Als sie das vorschlugen, war ich irgendwie erleichtert, dass es kein Akustikalbum werden wird. Denn ich wollte Drums, Bass, cleane Gitarren und jede Menge Melodien auf dem Album. Auf jeden Fall wollte ich Songs aufnehmen, die ich so mit Crowbar nicht hätte umsetzen können.

Produktionstechnisch hast du wieder gemeinsam mit deinem langjährigen Freund und Produzenten-Partner Duane Simoneaux gearbeitet. Wie arbeitet ihr zwei zusammen an einem solchen Album?

Duane ist Multi-Instrumentalist. Ich habe zwar alle Lead-Gitarren, den Bass, den Gesang und die meisten Begleitgitarren eingespielt. Er ist aber einfach ein Spitzen-Sidekick in Sachen Arrangements und Recording. Ich kam häufig nur mit einer einfachen Idee ins Studio. Er hörte sich das dann an, und gab mir direkt Feedback, indem er mir hier und da Alternativen zu meinen Fantasie-Akkorden gab.

Wie tauscht ihr euch aus?

Ich hatte nie eine Gitarrenausbildung im klassischen Sinne. Ich denke mir Akkorde und Songideen aus, die ich dann spiele und die irgendwann zu Songs werden. Duane hingegen erkennt, was ich da mache, hat die theoretische Grundlage und konnte Parts in meinen Songs extrem gut abrunden. Wir arbeiten als Team seit Jahren schon klasse zusammen und darüber hinaus ist mit der Zeit eine gute Freundschaft entstanden. Wir arbeiteten neunzig Prozent des Albums nur zu zweit im Studio. Er lebt mittlerweile mit seiner Familie unweit von mir und meiner Frau, und wir sind auch privat Freunde und hängen zusammen ab.

Deine letzten Crowbar-Alben und nun dein erstes Soloalbum hier können es meiner Meinung nach vom Songwriting locker mit deinen Kultalben der Vergangenheit aufnehmen … dein Spätwerk scheint immer kreativere Auswüchse anzunehmen.

Es ist irgendwie abgefahren. Mit meinem jetzigen Soloalbum ist das schon das 18. Album meiner Karriere. Und während wir gerade noch über mein aktuelles Soloalbum sprechen, befinde ich mich übrigens schon wieder für neue Demos und Riffs im Studio mit Crowbar. Persönlich habe ich das Gefühl, dass mir das Songschreiben heutzutage leichter fällt als früher.

Deine Texte sind nach wie vor düster, nachdenklich und teilweise – bei Songs wie „Enemy In Disguise“ oder „The Ugly Truth“ – wütend. Woher kommt deine Inspiration für Song-Themen?

Das geschieht oft aus dem Stegreif. Ich habe häufig nur einen Einzeiler, aus dem heraus dann schnell ein ganzer Songtext entstehen kann. Oft brauche ich nur fünf Minuten alleine im Studio. Dann bringe ich einfach mal alles aufs Papier, was mir gerade so in den Sinn kommt. Meine Frau Robin schreibt ebenfalls gerne Gedichte. Und ich benutzte diese Gedichte schon auf den letzten Alben von Crowbar, zum Beispiel bei Songs wie „Symmetry In Black“. Ich will jetzt meine Frau nicht unnötig über den Klee loben, aber gerade Duane lobte schon ein paar Mal Songzeilen, mit denen ich ihm kam, die aber nicht von mir sondern von Robin stammten. So geschehen eben auch auf Dream In Motion, unter anderem bei „Enemy In Disguise“, „Toxic“ und „Necropolis“.

Der Titelsong „Dream In Motion“ hingegem verbreitet Riff-technisch und auch textlich eine recht versöhnliche Stimmung …

Ja, der Song behandelt meinen musikalischen Werdegang und der Titel trifft den Nagel auf den Kopf. Ich lebe meinen Traum als Musiker bis heute. Ich kann von meiner Musik leben. Das habe ich mir immer gewünscht, und es hat funktioniert – und dafür bin ich sehr dankbar. Wenn du dir das Video zu „Dream In Motion“ anschaust, dann siehst du eine Menge alter Bilder und Video-Ausschnitte, die meinen musikalischen Werdegang quasi visuell im Rückspiegel zeigen …

Ich verfolge deine Karriere nun schon seit über 20 Jahren und muss sagen, dass ich sehr viele Bilder, Gitarren, Frisuren und Ausschnitte aus diesem Video zuvor noch nie gesehen habe. Wo hast du die denn alle ausgegraben?

Ja, das ging mir genauso. (lacht) Die hat ein guter Freund von mir die letzten drei Jahrzehnte über akribisch gefilmt, fotografiert und zusammengetragen. Das war noch lange vor der Zeit, in der man bequem Videos mit dem Telefon machen konnte …

Im Video zu „Dream In Motion“ sieht man dich überraschenderweise mal mit einer Schecter C-1 statt einer Ibanez oder Gibson …

Zu Hause habe ich eine Hamer mit Double-Cutaway und einem P90-Pickup, auf der ich immer so vor mich hin dudele. Sie ist in D-Standard gestimmt. Das gefiel mir ganz gut. Aus diesem Grund wollte ich auch den Sound für meine Soloscheibe etwas „normaler“ stimmen als runter auf H wie bei Crowbar.
In der Tat schwebte mir ein etwas anderer Gitarrensound als bei Crowbar für mein Soloalbum vor. Die Schecter im Studio hatte Duane ebenfalls auf D runtergestimmt, statt wie bei Crowbar zweieinhalb Ganztöne auf H. Dieses Tuning hatte die Schecter noch vonDuanes eigener Band. Sie hing mit diesem Tuning schon zwei Jahre lang an der Wand. Und so kam es, dass ich die Schecter tatsächlich bei den Aufnahmen zu 90 Prozent gespielt habe, weil sie dieses Tuning perfekt hielt. Wir mussten sie nicht mal nachstimmen, geschweige denn neue Saiten aufziehen. Für das Video wäre es einfacher gewesen, nur schnell meine Flying V aus dem Koffer zu holen – habe ich aber nicht. Man sollte sehen, welche Klampfe im Studio bei dem Song zum Einsatz kam.

Welchen Amp und sonstiges Equipment hattest du sonst im Einsatz?

Im Studio benutzte ich dieses Mal eine Mischung aus Amplitube und einem Engl-Amp. Den Sound hat mir Duane zurecht geschraubt und ich fand ihn so geil, dass ich überlege, ihn in Teilen auch bei den kommenden Aufnahmen zur neuen Crowbar-Platte einzusetzen.
Live bin ich wieder zurück bei meinen alten Randalls RT 200 ES – in den USA und in Europa miete ich mir allerdings meistens Orange-Amps, da unser Verleih die alten Randalls nicht im Programm hat.

Du hast auf Dream In Motion als letzten Song „Aqualung“ von Jethro Tull gecovert. Ich finde deine Interpretation sehr gelungen. Wie bist du an das Cover heran gegangen?

Der Song entpuppte sich als so viel schwieriger, als ich zu Beginn dachte. Ich habe den kompletten Song tatsächlich erstmal in seiner Originalstimmung herausgehört und transkribiert. Ich habe Jethro Tull immer schon geliebt. Das Solo ist der Hammer. Ich habe mir echt sehr viel Mühe gegeben, es möglichst Note für Note nachzuspielen. Das Heraushören hat mich am Ende die eine oder andere Stunde gekostet …

Das Ergebnis kann sich aber hören lassen …

Danke Mann, ich hätte den Song auch nicht auf das Album gepackt, wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass er gut geworden ist. Denn wenn du dir so einen Brocken als Coversong zur Brust nimmst, dann muss das auch gut werden. 

Text: Marcel Thenée

Fotos: Getty Images / Robin Windstein

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