Joe Bonamassa: Der Sammlerkönig

Es gibt wohl wenige Personen auf diesem Planeten, die eine ähnlich umfangreiche Kollektion an originalen Fender- und Gibson-Raritäten besitzen wie Joe Bonamassa. Wir trafen Joe Bonamassa vor seiner Show in Stuttgart, und er gewährte uns einen detaillierten Einblick in eine der größten Leidenschaften seines Lebens.

Joe, was muss eine Gitarre besitzen, um Teil deiner Sammlung zu werden?
Joe Bonamassa: Es müssen entweder modifizierte alte Sechssaiter – wie diese Fender Nocaster – mit einer Geschichte sein, oder sie müssen schlichtweg so aussehen, als kämen sie gerade aus der Fabrik. Die „verbastelten“ Legenden spiele ich dauerhaft, die tadellosen Schätzchen verlassen dagegen nur selten ihre Koffer.

Zwischen diesen beiden Hauptgruppen herrscht ein sehr gute Balance in meiner circa 300 Gitarren und circa 350 Verstärker umfassenden Kollektion. Dazu gesellen sich acht Lapsteels und noch einige andere Stücke. Insgesamt komme ich so auf etwas über 700 Teile in meinem Inventar. Inzwischen finden sich darin schon „ein paar“ sehr, sehr seltene Exponate.

Nimmst du wirklich nie eine deiner ganz raren Exemplare – beispielsweise deine Gibson ’58 Korina Flying V 
– mit auf Tour?
Es ergibt für mich keinen Sinn, dass ich eine über 400.000 Dollar teuere Gitarre auf einer Konzertreise gefährde. Dafür besitze ich sehr viele Repliken meiner Favoriten, die mit mir um die Welt ziehen. Aktuell ist auch der Nachbau meiner Korina Flying V dabei, der genauso gut, wenn nicht gar noch besser als das Original klingt. Zu ganz besonderen Anlässen schleicht sich aber doch mal eine der Echten mit ein. [schmunzelt und spielt ein Lick]

Ron Ferguson [ehemaliger legendärer Gitarrenbauer bei Gibson und Guild] hat einmal auf die Frage „Wie viele Gitarren braucht ein Mann?“ mit „Immer eine mehr!“ geantwortet. Kannst du dieses Statement unterschreiben?
Als Sammler bist du schlichtweg ein Sammler! Im Endeffekt archivierst du damit ein Stück Historie. So ist etwa diese Fender Nocaster ein Teil der amerikanischen Geschichte. Damals wurde noch jede Schraube, jeder Sattel – sprich jeder erdenkliche Part – in den Vereinigten Staaten hergestellt. So was gibt es heutzutage schlichtweg nicht mehr. Aus mannigfaltigen Gründen wie Arbeitslöhnen, Rohstoffen, oder weil Zulieferer XY in ein anderes Land umgezogen ist. Der Pickup an der Brücke funktioniert schon seit über 60 Jahren tadellos.

Zeig’ mir beispielsweise mal ein iPhone, das so lange halten würde. Bei Smartphones kann man schon froh sein, wenn sie die Fünfzehnmonatsgrenze überstehen. Aus dieser Fender ertönt jeden Abend aufs Neue Musik. Solch eine Qualität gibt es schlichtweg nicht mehr! Das soll jetzt absolut kein Schuss gegen aktuelle Produkte aus Amerika sein, aber der Americana-Vibe der alten Goldstücke ist schon etwas ganz besonderes!

Kurze Zwischenfrage: Deine Garderobe ist sehr spartanisch eingerichtet – hast du keine „Extras“ auf deinem Tour-Rider?
Ich brauche eigentlich nur einen Stuhl, denn ich bin hier nur für ein paar Stunden vor der Show. Die einzigen zwei Dinge, die ich wirklich benötige, sind ein Amp und eine Gitarre. An dieses ganze Brimborium, das wir bei anderen Künstlern sehen, glaube ich nicht.

Vor einigen Jahren hast du aus deinem Haus „Nerdville“ werden lassen, und es ist inzwischen eine Art „Ellis Island“ für historische elektrische Fender- und Gibson-Instrumente.
Diesen beiden Marken habe ich mich komplett verschrieben. Der Sinn einer Kollektion ist ja nicht, möglichst von allem etwas zu besitzen oder mehr als ein anderer Sammler vorweisen zu können. Ich kaufe einfach, was mir gefällt. Bei mir sind es eben Solidbodys von Fender und Gibson. Der nächste findet vielleicht Gretsch supercool oder liebt Akustikgitarren ... Flattops hasse ich übrigens – ich finde die Dinger scheußlich! Die Quintessenz einer Sammlung sollte immer sein, dass man sich mit Objekten umgibt, die man wirklich liebt.

Wann kam dir die Idee für Nerdville?
Das fing an, als ich mein Haus kaufte. Mir stand der Sinn danach, es sehr persönlich zu gestalten. Die Kopie des Las-Vegas-Zeichens schwebte mir schon lange im Kopf herum, bis ich jemanden fand, der mir eines baute. Dazu gesellten sich Türmatten und allerlei Schnickschnack im selben Design. Wenn du in mein Haus kommst, gibt es keinen Zweifel daran, worum es hier geht ... nämlich um Musik! Da gibt es keine Fotos oder so, sondern du wirst von einer Armada an Fender-Tweed-Amps und alten Werbetafel begrüßt!

Du erstehst generell keine Musikinstrumente über eBay ...

Ich gehe lieber in einen herkömmlichen Laden und stöbere herum, oder mir wird von einem Händler etwas angeboten. Mein Problem mit eBay ist, dass das Versteigerungsobjekt zu einer Sache ohne Story und Leben degradiert wird. Das ist mir einfach zu unpersönlich! Was ich auch nicht verstehen kann, ist, wenn sich Person XYZ über eBay möglichst schnell eine umfangreiche Sammlung zulegt – das ist definitiv der falsche Weg. Um wirklich nur die Sahnestückchen herauszupicken, braucht es viel, viel Zeit.

Die Geschichten der Gitarren müssen doch für dich gerade beim Songwriting eine enorme Inspiration sein?

Absolut! Es gibt bei mir zuhause Sechsaiter, die ich sicher seit drei oder mehr Jahren nicht mehr gestimmt habe. Wie so ziemlich jeder andere Musiker liebe ich meine Favoriten, mit denen ich dauerhaft spiele. Manchmal vergisst man auch das eine oder andere Instrument und kramt es nach einer Ewigkeit wieder hervor. Die fabrikneuen Vintage-Exponate nehme ich aber meistens nicht in die Hand, denn erstens steckt nicht die Story eines Vorbesitzers in ihnen, und zweitens sind diese Instrumente von großem historischen Wert.

Apropos fabrikneu: Wie viele unberührte Fender-Tweed-Amps stehen in Nerdville?

Es sind 51 Stück. Man mag es vielleicht nicht glauben, aber es ist schwieriger, das komplette Set aller von 1958 bis 1960 hergestellten Originale zu sammeln, als sie in tadellosem Zustand zu finden. Champ, Princeton, Harvard, Vibrolux, Deluxe, Super, Tremolux, Bandmaster, Twin (Low & High Power), Bassman und der am schwersten zu findende: der fabrikneue Pro. Mein Anspruch an die Sammlung ist, perfekt zu sein. Es gibt also kein Exemplar, dass etwa einen Kratzer oder eine Beule vorzuweisen hat.

Nerdville ist also so etwas wie eine Zeitreise in einen Gitarrenladen der ’50er.

Das ist viel besser, denn bei mir stehen viel mehr Ausstellungstücke herum. Damals war ja nie alles auf Lager. Viele stellen sich jetzt natürlich die Frage, wo all die fabrikneuen Sechssaiter und Verstärker herkommen. Sie finden sich an den unterschiedlichsten Orten. Manche wurden aus irgendeinem Grund in einem Lagerraum oder gar in einem Schrank vergessen. Gerade bei den Tweed-Amps ist es doch so, dass du sie nur falsch anschauen musst, und schon ist eine Macke im Stoff ... das macht es aber auch so interessant, denn deswegen gestaltet sich die Suche manchmal echt schwierig.

Einer deiner wichtigsten „Lieferanten“ ist Norman’s Rare Guitars. Auf dem Youtube-Kanal des Ladens bist ein Dauergast und trägst fast immer irgendeinen von Norms Merch-Artikeln.

Norman Harris ist der Pate des Vintage-Handels! Er dachte schon in den ’70ern sehr vorausschauend und kaufte viele Instrumente, bevor sie wertvoll wurden. Harris besitzt ganze Lagerhallen an erstklassigen Vintage-Instrumenten. Dazu kennt er sich mit allen Details aus und kann sofort eine Fälschung von einem Original unterscheiden. Bei ihm kann man bedenkenlos sein Geld inves-tieren, und als guter Kunde bekam ich natürlich das komplette Set an Shirts, Caps oder Hoddies. Abseits unserer Geschäftsbeziehung sind wir miteinander befreundet, denn er ist ein großartiger Mensch.

Dir hat er beispielsweise deinen 2007er-Gibson-Skylark-Prototypen abgekauft.

Zu manchem Zeug baut man – so sehr man es sich auch wünscht – einfach keine sentimentale Beziehung auf. Für die Skylark erstand ich im selben Zug wieder ein paar tolle Dinge, und Norman bekam ein weiteres Erinnerungsstück für seinen Shop. Am Ende waren wir beide total happy, und das ist doch die Hauptsache.

In Deutschland sind deine Hauptanlaufstellen für Raritäten das No. 1 Guitar Center in Hamburg und der Guitarpoint in Maintal bei Frankfurt.

Zu diesen Geschäften pflege ich eine super Beziehung, und im Laufe dieser Tour werde ich beiden einen Besuch abstatten. Thomas von No. 1 kaufte ich mal vor ein paar Jahren einen originalen Gibson-Flying-V-Koffer für umgerechnet 20.000 Dollar ab. Das war in der Retrospektive ein fantastischer Deal, denn diese Cases sind sehr rar! Der Preis relativiert sich auch wieder, wenn man bedenkt, dass darin eine Gitarre für über 300.000 Dollar ihren Platz findet.

Welche Story steckt eigentlich hinter der Fender CBS Stratocaster, die du für unser Cover ausgesucht hast?

Die Strat stammt aus Alabama – schau dir die Patina an, die bekommst du nur im tiefen Süden der USA. Sie besteht aus Schweiß, Luftfeuchtigkeit und Zigarettenrauch. Sie war dreckig, als sie bei mir ankam, und ist es immer noch ein bisschen. Wenn eine Gitarre so intensiv gespielt wurde, muss sie zwangsläufig gut sein! Sie hat neue Bundstäbchen bekommen, und vorhin habe ich die Stimmmechaniken ausgetauscht. Ich vermute mal, dass sie in irgendeinem Club zum Hausinventar gehörte.

Aktuell gibt es in Sammler- und Gitarristenkreisen Sorgenfalten wegen CITES ...

Das ist auch absoluter Bullshit! Wächst der verdammte Baum etwa wieder, wenn ich das Griffbrett dieser Strat zurück in den Boden pflanze? Die Leute, die für CITES verantwortlich sind, haben doch keinen blassen Schimmer von antiken Instrumenten. Was hier fabriziert wird, rettet keinen einzigen Palisanderbaum im brasilianischen Regenwald. Mich macht dieses Thema wirklich wütend, und es ist auch einer der Gründe, warum ich keine meiner Vintage-Schätze mit auf Konzertreisen außerhalb der USA nehmen kann. Ich könnte hier noch ewig weitererzählen, aber ich muss mich langsam in diesen „anderen Typen“ verwandeln, der gleich auf der Bühne steht. [spielt ein Lick und grinst verschmitzt]

 

Chris Franzkowiak

Dieses Interview erschien in der guitar 7/17. Weitere Themen waren ein Equipment-Special zu Joes CBS-Strat, ein ausführliches guitar legends zu Allan Holdsworth und ein Special zum 30-jährigen Bestehen der Ibanez Jam. 

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Fotos: Linda Böse

Bonamassa backstage mit Gitarre

Joe Bonamassa backstage in Stuttgart