Legends-Special: Toto

In den vier Dekaden seit ihrem fulminanten 1978er Debüt gingen über 40 Millionen Toto-Alben über die Ladentheken rund um den Globus. Dazu spielten die Mitglieder der 1976 gegründeten Combo auf über 500 Millionen verkauften Tonträgern, und laut einer Erhebung hörten bereits 95 Prozent aller Erdenbewohner mindestens eine dieser Aufnahmen.

Das Rückgrat der gesamten populären Musikgeschichte sind hervorragende Session-Player. Sie sind zur Stelle, wenn tadellos gespielte Instrumentalparts im Studio gefragt sind, ein Solokünster eine hervorragende Backingband benötigt oder schneller Ersatz für ein gegangenes Bandmitglied auf der Agenda steht. Hier beginnt die Geschichte von Toto, denn Steve Lukather (Gitarre, Gesang), David Paich (Keyboards, Gesang), Steve Porcaro (Keyboards, Gesang), Jeff Porcaro (Schlagzeug, Gesang) und David Hungate (Bass, Gesang) verdienen sich allesamt als „Hired Guns“ ihre ersten Sporen und Brötchen im Musikbiz. Sie spielen auf vielen der größten Alben der ’70er und sind Stammgäste bei Plattenaufnahmen von Mega-Acts wie etwa Sonny and Cher oder Steely Dan.

Märchenhaft


David Paich und Jeff Porcaro kennen sich bereits von der Grant Highschool in Van Nuys, Kalifornien, als sie zufällig bei gemeinsamen Sessions aufeinandertreffen. Kurzerhand beschließt das Duo, eine eigene Band ins Leben zu rufen. Diese hört auf den Namen Rural Still Life und zeigt den beiden, dass sie auch abseits der Studios eine Chance als Musiker im Rampenlicht besitzen. Dieses Aha-Erlebnis motiviert die beiden Protagonisten, ein komplettes Line-up aus erstklassigen Studiomusiker zusammenzustellen. Schnell sind die Wunschkandidaten gefunden: Lukather und Hungate – die gemeinsam mit Paich in der Begleitcombo von Boz Scaggs rocken – plus Porcaros Bruder Steve, der als zweiter Keyboarder ins Boot geholt wird.

Leider ist die spätere Toto-Besetzung kurz danach schon wieder Geschichte, denn Jeff Porcaro und Paich verlassen die Combo nach ihrem Highschool-Abschluss. Davon lassen sich die beiden Steves aber nicht beirren. Sie führen die Band unter dem gekürzten Namen Still Life weiter und halten Ausschau nach einem geeigneten Frontmann. Im Fokus steht der ehemalige S.S.-Fools-Sänger Bobby Kimball, der nur allzu gerne zu den Instrumental-Cracks stößt. Zur großen Freude aller Beteiligten besinnen sich die abtrünnigen Absolventen eines Besseren und kehren kurze Zeit später zu ihrer Formation zurück.

Da Still Life nicht nur herausragend spielen, sondern auch komponieren, lässt ein lukrativer weltweiter Plattenvertrag mit Columbia nicht lange auf sich warten, und das Sextett starten die Arbeit an ihrem Erstling. Während sich Kimball, Lukather, Paich und Steve Porcaro ins Songwriting stürzten, sinniert Jeff Porcaro über einen griffigeren Bandnamen.

Der namensgebende Hund


Im TV läuft gerade Der Zauberer von Oz, und Dorothy, die Hauptfigur des Films, ruft just in diesem Moment ihren Hund Toto. Jeff gefällt der Name so gut, dass er ihn am nächsten Tag seinen Kollegen vorschlägt. David Hungate erklärt der illustren Runde zudem, das das lateinische in toto die Bedeutung „allumfassend“ hat. Das Kollektiv ist begeistert, denn es beschreibt perfekt den Genre-übergreifenden Stil der sechs Akteure. Nachdem die Aufnahmen beendet sind, dauert es nicht lange, und Toto mausert sich zu einem Selbstläufer. Das selbstbetitelte Album klettert schnell auf Platz neun der Billboard 200, und die die Hitsingle „Hold the Line“ sogar auf Platz fünf der Single-Charts. Dazu gesellt sich noch eine Grammy-Nominierung als „Best New Artist“.

Toto treffen mit ihrem Mix aus packenden Melodien, hochgepitchten Gesangslinien und ihrem locker flockigem Funky-Soft-Hardrock den Zeitgeist in den USA wie jenseits Atlantiks. Besonders in Deutschland schlägt die Scheibe wie eine Bombe ein, und die Kalifornier heimsen Gold für mehr als 250.000 verkaufte Platten ein. Angestachelt vom Erfolg, begibt sich der Sechser zusammen mit den beiden Session-Playern Tom Kelly (Gitarre, Background-Gesang) und dem Percussionisten Lenny Castro auf ausgedehnte US-Headliner-Tour.

Magere Jahre


Hydra (1979) schafft knapp den Sprung in die Top-40, und nur die erste Single „99“ erreicht mit Platz 26 die Charts. Toto stehen sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand und bereiten sich schon mit einem Fuß auf die Rückkehr in ihre alten Leben als Vollzeitsessionmusiker vor. Es muss also zwingend ein Smash-Hit her! Das Projekt zieht sich über den Jahreswechsel von 1981 nach 1982 und avanciert zu einer Sternstunde des Rock. Als Toto IV am 8. April 1982 in den USA veröffentlicht wird, ist die Vorab-Single „Rosanna“ bereits ein Nummer-zwei-Hit. Das Album selbst klettert auf Platz vier der Billboard 200, wird mit Dreifachplatin überzogen und springt in Austra-lien, den Niederlanden und Kanada auf Platz eins. „Africa“ erobert sogar Totos erste und einzige Pole-Position der Billboard Hot 100. Während sich die Porcaros, Paich und Lukather noch an den Features auf Thriller und Chicago 16 erfreuen, hängt bei Toto der Haussegen schief. Bobby Kimball ist aufgrund seiner Drogensucht vorbestraft und verhält sich auch sonst alles andere als kollegial. 1984 ist nach ewigem Hin und Her endgültig Schluss mit lustig – Kimball wird gefeuert!

Zurück auf die Überholspur


Ohne langen Eiertanz steigt Joe ins Boot, und die Chemie zwischen den Akteuren wirft sofort kreative Früchte ab. Williams beteiligt sich bei sieben der zehn Stücke der kommenden LP am Songwriting, und die allgemein entspannte Stimmung manifestiert sich auch im Vibe der Tracks. Die später als Fahrenheit (1986) das Licht der Welt erblickende Scheibe klingt poppig, gechillt und etwas weniger rockig als Isola-tion. Bis auf die Zahl der abgesetzten Einheiten des aktuellen Albums läuft es für Toto jedoch super, und an den Konzertkassen rollt der Dollar richtig. Aus persönlichen Gründen muss Joseph Williams trotzdem sein Mikro schon wieder abgeben, und Lukather, Paich und die Porcaros schippern auf ein durchwachsenes Vierteljahrhundert zu.

In diesen 25 Jahren gibt es zahlreiche Besetzungs- und Plattenfirmenwechsel, 1992 reißt der Tod von Jeff Porcaro, der an den Langzeitfolgen seiner Kokainsucht stirbt, die Band fast in den Abgrund, und obwohl man immer noch erstklassige musikalische Kost auf die Plattenteller der – inzwischen meist europäischen – Fans legt, hisst Steve Lukather 2008 endgültig die weiße Fahne, und Toto verschwinden in den ewigen Rock’n’Roll-Jagdgründen.

Dauerhaftes Comeback


2010 erkrankt Mike Porcaro an ALS, und ihm fehlt schlichtweg das Geld für die notwendigen Behandlungen. Dieser traurige Umstand führt dazu, dass Luke, Steve, David, Joseph und der als Jeffs Ersatzmann eingestiegene Star-Trommler Simon Phillips plus Bassist Nathan East auf eine Greatest-Hits-Tour quer durch Europa aufbrechen, um Geld für ihren erkrankten Freund zu sammeln. Die Shows werden bei den Fans so gut angenommen, dass man 2011 noch eine weitere Konzertreise nachschießt. Ab 2013, zu Totos 35-jährigem Jubiläum, ist die Band wieder komplett zurück und knüpft auf den Bühnen dies- und jenseits des Atlantiks an alte Erfolge an. Die Liebe und das Interesse, die ihnen allabendlich entgegengebracht werden, inspirieren die Freunde, zusammen mit ihren neuen Kollegen ein weiteres Studioalbum in Angriff zu nehmen. Dies hört auf den schlichten Namen XIV (2015) und gerät nicht nur zu einer Comeback-Scheibe nach der Reunion, sondern auch zu einer gelobten progressiven AOR-Perle.

Fünf Tage vor dem Release verstirbt Mike am 15. März 2015 an den Folgen seiner ALS-Erkrankung. Viele erschütterte Fans interpretieren in diese nahe beieinander liegenden Daten, dass es wohl Porcaros letzter Wunsch gewesen sein muss, dass Toto weiter existieren und die großartigen Lieder wieder in die Welt hinausgetragen werden. 2018 feiert die legendäre AOR-Band vier Dekaden im Musikbusiness mit der Best-of-Compilation 40 Trips Around the Sun und einer dazugehörigen World-Tour. Darunter sind auch neue, unveröffentlichte Songs wie "Alone" (siehe Youtube-Video).

 

Text: Chris Franzkowiak

Fotos: Getty Images

Das gesamte Legends-Special inklusive Noten, Tabs und Soundfiles gibt es hier online zu kaufen - als PDF mit Downloads oder im klassischen Print-Format.