Masterpiece: Corrosion of Conformity

Deliverance von Corrosion of Conformity wurde stilprägend für spätere Genres wie Sludge- oder Groove-Metal. Dabei wäre es beinahe gar nicht erschienen. Warum genau, erfahrt ihr in diesem Masterpiece.

Deliverance, das vierte Werk der aus Raleigh in North Carolina stammenden Corrosion of Conformity, lieferte vor zwei Jahrzehnten Rock-Radio-Hits wie „Albatross“ oder „Clean My Wounds“, die bei MTV in Dauerrotation liefen. Deliverance wurde stilprägend für spätere Genres wie Sludge- oder Groove-Metal. Dabei wäre es beinahe gar nicht erschienen, wie Sänger und Gitarrist Pepper Keenan und Leadgitarrist Woody Weatherman offenbarten.

Thin Lizzy, Black Sabbath, Deep Purple, ZZ Top und die Allman Brothers veröffentlichten in den frühen Siebzigern Alben, die zu Klassikern wurden. Stilistisch standen sie damit Pate für Deliverance. Und das nicht zuletzt, weil Pepper Keenan (g, voc) und Woody Weatherman (g) trotz aller Metal-Einflüsse große Fans des Seventies-Rock sind. Pepper und Weatherman grinsen von einem Ohr zum anderen, wenn man sie mit derlei musikalischen Vergleichen konfrontiert. Nein, die Idee für den Albumtitel habe damals Basser Mike Dean gehabt, der 1993 gerade erst zur Band zurückgekehrt war. Zu dieser Zeit sei Deliverance aber schon fertig gewesen.

„Wir waren händeringend auf der Suche nach einem Titel, der die Stimmung und die Umstände widerspiegelte, in der wir uns damals befanden. Wir brauchten zudem ein Wort, das auf den Punkt brachte, woher wir als Band kamen. Aber noch viel wichtiger war das, wofür wir als Band stilistisch standen. Die Bedeutung des Wortes deliverance [deutsch: Befreiung] traf bei uns einfach den Nagel auf den Kopf“, gibt Keenan im tiefen Louisiana-Slang nachdenklich zu Protokoll. „Auch wenn all die eben aufgezählten Vergleiche durchaus irgendwie Sinn ergeben“, fügt Woody schließlich augenzwinkernd hinzu.

Glänzend schwarz

Das Album ist zu jenem Zeitpunkt bis auf die Vocal-Spuren fertig eingespielt. Neben Pepper, Woody und Drummer Reed Mullin gehören Bassist Phil Swisher und Sänger Karl Agell zur Band. CoC sind 1993 bei Relativity Records unter Vertrag und schulden ihrem Label ein weiteres Album. Der Vorgänger Blind (1991) mit der Single „Vote with a Bullet“, auf der Gitarrist Pepper zum ersten Mal überhaupt als Sänger bei CoC zu hören ist, bringt der Band einen Achtungserfolg ein. Und so pocht man bei Relativity verständlicherweise auf ein Nachfolgealbum ähnlichen Kalibers. Doch CoC haben sich in der Zwischenzeit stilistisch weiterentwickelt.

Im Zuge der Writing- und Recording-Sessions zu Deliverance hat man das neue Songmaterial weitestgehend von den Hardcore- und moderneren Metal-sounds der Vorgängeralben Animosity und Blind entschlackt. Stattdessen glänzt das neue Material dank schwerer, aber stets griffiger Black-Sabbath- und Seventies-Rock-Einflüsse. Während sich Pepper, Woody, Reed und Phil zusammen mit Freund und Produzent John Custer wochenlang für die Aufnahmen im Trees Studio in Atlanta verschanzen (das ihnen kein Geringerer als Kumpel Billy Corgan von den Smashing Pumpkins empfohlen hat), glänzt Sänger Karl Agell durch Abwesenheit. Das Budget von 20.000 Dollar ist zu diesem Zeitpunkt nahezu verbraucht.

Schockschwerenot!

Als Agell schließlich Wochen später ins Studio kommt, um seine Gesangsspuren über das fertige Material zu legen, ist der Rest der Band nicht sonderlich erbaut von dem, was der Sangesmann abliefert. Pepper fasst zusammen: „Wir waren von den neuen Songs völlig begeistert, und das Label flippte ebenfalls aus. Uns war klar, dass wir enorm starkes Material hatten. Und dann kommt Karl ins Studio. Wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt etwas aus dem Augen verloren und waren unsicher, ob Karl überhaupt etwas mit dem neuen Material anfangen könnte. Er ging in die Gesangskabine, und wenn ich mich richtig erinnere, legte er mit einem Songtext los, der ,Ride the Earth‘ hieß. Er sang allen Ernstes ,Ride the Earth‘ über das Material, aus dem später einmal ,Albatross‘ werden sollte. Ich meine das wirklich nicht böse, wenn ich sage, dass wir Panik bekamen. Wir starrten uns im Studio ratlos an, und John Custer, unser Produzent, war, gelinde gesagt, schockiert.“ Die Herren müssen eine folgenschwere Entscheidung fällen.

Sie trennen sich von Karl, was zur Folge hat, dass auch Basser Phil das Handtuch wirft. Doch ohne Sänger und ohne Bassist ist selbst das stärkste Songmaterial keinen Cent wert. „Die Studiozeit war bezahlt, und wir hatten keine Ahnung, wer zum Geier dieses Album einsingen sollte“, so Woody. Pepper fährt fort: „Also beschlossen Woody, John Custer und ich, instrumentale Stücke zu schreiben. Schließlich hatten wir ja die ganze Studiozeit übrig, die wir eigentlich für die Gesangsaufnahmen nutzen wollten.“ Die Band versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Auf diese Weise entstehen am Ende atmosphärisch brillante instrumentale Zwischenspiele wie „Without Wings“, „Mano de Mono“ oder „#2121313“. Das Label zeigt sich verständlicherweise wenig erbaut über den Umstand, dass Corrosion of Conformity ohne Sänger und Bassisten kein fertiges Album vorlegen können. Man beschließt zähneknirschend, eine mehrwöchige Auszeit zu nehmen. Keenan kehrt nach New Orleans zurück, wo er sich immer wieder die neuen Songs anhört, der Rest der übrig gebliebenen Mitglieder fliegt in die Heimat nach North Carolina zurück.

Dean kriegt’s hin

In der Zwischenzeit bekommt Ex-Basser Mike Dean Wind davon, dass sich CoC von Karl und Phil getrennt haben. Dean, der Corrosion of Conformity 1987 verlassen hat, um auf eigene Faust durch Europa zu trampen und sich musikalisch neu zu orientieren, meldet sich kurzerhand bei seinen alten Kollegen und gibt ihnen zu verstehen, dass er Interesse habe, der neuen Konstellation der Band zur Seite zu springen. „Als Mike sich bei uns meldete, sagte ich ihm sofort, dass es uns eine Ehre wäre, wenn er wieder in die Band käme. Wir luden ihn kurzerhand ins Studio nach Atlanta. Als Mike seine Walking-Basslines ohne Pick und nur mit seinen Finger über ,Clean My Wounds‘ legte, dachten wir alle nur: oh my fuck! Zuvor hatte Swisher mit einem Plektrum nur stumpf Grundtöne gespielt. Jetzt hatten wir Mike, und es passte einfach alles.“

Es ist schließlich auch Mike Dean, der der Band ohne Umschweife rät, Pepper Keenan endgültig hinters Mikro zu stellen. „Er sagte einfach: Warum zum Geier machst du es eigentlich nicht Pepper?“, erklärt Woody lachend. Gesagt, getan: Keenan verschanzt sich mit John Custer im Studio, schreibt von Grund auf alle Texte neu und beginnt mit den fehlenden Vocal-Parts. Noch während die Band unter Hochdruck dabei ist, alle Bass- und Vocal-Spuren neu aufzulegen, schickt Drummer Reed Mullin drei Songs, darunter auch die spätere Hitsingle „Albatross“, als Demo an einen Freund bei Columbia Records. Der ist so begeistert von dem Material, dass das Demo schließlich auf dem Schreibtisch des damaligen Pressechefs von Columbia, Don Ienner, landet. Auch der ist von den neuen Songs völlig aus dem Häuschen. Und so beschließt Ienner, dem Indie-Label Relativity Records ein Angebot zu machen, um CoC aus ihrem laufenden Vertrag zu bekommen. Doch das ist nicht ganz so einfach wie gedacht ...

Der Albatros fliegt

Pepper erläutert: „Donny Ienner rief bei Relativity an, um uns aus dem Vertrag zu kriegen. Er machte ihnen ein Angebot, doch sie sagten nur: ,Fuck, nein, wir verkaufen die Band auf keinen Fall!‘ Das pisste die Geldsäcke bei Columbia natürlich mächtig an. Einige Zeit später rief mich Ienner an und meinte: ,Kauf dir die neueste Ausgabe des Wall Street Journal und schau dir die News im Wirtschaftsteil an.‘ Ich staunte nicht schlecht: Columbia hatte Relativity kurzerhand gekauft, um daraus einen Vertrieb für die eigene Indie-Rock-Abteilung zu machen. Und das nur, weil sie unser Album haben wollten. Wir waren alle völlig von den Socken und konnten es gar nicht fassen. Plötzlich fanden wir uns zusammen mit John Custer in den Electric Ladyland Studios in New York wieder, mit unbegrenzter Studiozeit und einem unbegrenzten Budget, um das Album komplett fertig zu bekommen. Den Zeitungsausschnitt habe ich heute noch.“

Von nun an gibt es für die Band kein Halten mehr. In zwei weiteren Monaten überarbeitet man zusammen mit John Custer die meisten Solopassagen auf dem Album und verpasst dem Diamanten den letzten Schliff. Produzent und Vintage-Liebhaber John Custer kann derweil vollauf seiner Leidenschaft für alte Instrumente und schräge Analog-Sounds nachgehen. Schon in den Trees-Studios in Atlanta hatte er Peppers und Woodys alte und völlig stimmunstabile Gibson SGs durch eine alte Gibson Les Paul Goldtop mit P90-Pickups ausgetauscht. Zusammen mit so rarem Gear wie einem alten Marshall-Top, das kein Geringerer als Jimi Hendrix höchstselbst gespielt hat, verpasst er Deliverance den finalen Schliff in Sachen Sound.

Eier auf dem Hackbrett

Das Album erscheint im September 1994. Corrosion of Conformity haben sich stilistisch völlig neu aufgestellt und sind mit ihrer Melange aus Seventies-Black-Sabbath-Einflüssen und rohen, metallisch-analogen Klängen ihrer Zeit weit voraus. Pepper erinnert sich: „Man darf nicht vergessen, dass wir als Band, die nach wie vor in der Hardcore-Szene unterwegs war und mit Bands wie Sick of It All tourte, drauf und dran waren, mit Songs wie ,Albatross‘ mächtig in der Hardcore- und Punkrock-Szene anzu-ecken. Aber das war uns egal. Um ehrlich zu sein: Wir fühlten uns gerade mit solchen Songs mehr Punkrock als mit allem anderen – auch wenn uns durchaus klar war, dass wir damit unsere Eier in der Szene aufs Hackbrett legen würden.“

Fragt man Keenan, was ihn in zu seinen typischen Underdog- und Blue-Collar-Lyrics inspirierte, ist die Antwort überraschend plausibel: „Als wir das Album aufgenommen haben, ploppte in meinem Hinterkopf immer wieder die eine Frage auf: Was würde James Hetfield in Sachen Songs und Riffs ausflippen lassen? Ohne dabei selbst Metallica sein zu wollen, versteht sich. Das war der einzige Motor, der mich antrieb. Ich wollte, dass James das Material hört und sagt, dass wir eine verdammt geile Band sind. Und es ist tatsächlich passiert! Als Metallica anlässlich von damals zehn Millionen verkauften Einheiten ihres Black-Albums in New York eine Party schmissen, hatte uns jemand eingeschleust. Wir hingen also an der Bar ab, und irgendwann kam Hetfield zu uns rüber und sagte: ,Oh Mann, Deliverance ist ein verdammt gutes Album geworden!‘ Mein einziger Gedanke war: Ja! Wir haben es geschafft! – Von dem Zeitpunkt an wurden James und ich Freunde.“

Marcel Thenée
Fotos: Getty Images

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