Masterpiece: Nirvana

Vor 25 Jahren erschien zwei Jahre nach dem millionenschweren Nevermind das düstere In Utero. Für die Fans und auch für Nirvana selbst ist es ein künstlerisches Statement für die Ewigkeit. Kurts Sound pendelt dabei zwischen Noise und Melodie und Genailität und Schrott.

Februar 1993. Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl sitzen fest. Im Pachyderm Studio in Cannon Falls, Minesota. Sie sind rundum eingeschneit, die Temperaturen sind arktisch. Und das Schlimmste: Ihr Equipment ist noch nicht eingetroffen. Damit wollten sie eigentlich ihr drittes Album aufnehmen…

Die Schatten von Nevermind reichen ebenfalls in dieses eingeschneite Studio. Wie soll man einen 30-Millionen-Seller toppen? Wie kann der von Medien und einer ganzen Generation zum Messias ausgerufene den Erwartungen gerecht werden?

Kurt Cobain weiß instinktiv: Er kann es nicht. Und er will es auch gar nicht. Er will ein künstlerisches Statement abgeben. Koste es, was es wolle: „Grunge ist langweilig. Nevermind war das letzte Kapitel des Drei-Akkorde-Grunge. Das dritte Album wird beide Extreme von Nirvana noch stärker zum Vorschein bringen: Es wird sowohl extrem raue Facetten als auch süße Melodien bekommen. Es wird weniger eindimensional als Nevermind.“ Kurt Cobain will ein Album, das klingt wie Surfer Rosa von den Pixies (1988) und Pod von den Breeders (1990).

Stachelig und geschmeidig


Urbelassen statt ausproduziert, stachelig und geschmeidig soll es sein. Cobain weiß, wo er diesen Sound bekommt: bei Kultproduzent Steve Albini. Albini antwortet auf die Anfrage des Nirvana-Managements mit einem fünfseitigen Brief und teilt seine Philosophie klar mit: „Wenn die Aufnahmen zu einer Platte länger als eine Woche dauern, baut jemand Scheiße.“

Albini gibt sich alle Mühe. Allein um Daves Drumset herum sollen 30 Mikrofone gestanden haben. Bei zwei Songs, „Very Ape“ und „Tourette’s“, wird das Schlagzeug in die Küche versetzt, um hier den Raumklang festzuhalten. Kurt fügt lediglich gezielte Gitarrenspuren und seine Soli hinzu.

Die Vocals für das gesamte Album soll er in nur sechs Stunden eingesungen haben. Gemeinsam gelingt es der Band und Studiocrew, einen flüchtigen Moment festzuhalten. Es ist ein Selbstporträt des Künstlers Cobain vom Februar 1993. In Utero wirkt anziehen dund abstoßend, führt Krieg zwischen Noise und Melodie. Dave Grohl findet heute: „Ich höre mir Utero sehr ungern an, weil es die Gefühlswelt der Band zu jenem Zeitpunkt eingefangen hat. Es ist so düster, so echt."

Der herzförmige Sarg

Viele Songs sind inspiriert von Kurts Rockstar-Angst, zumindest wenn man Dave Grohl Glauben schenken mag. Zumindest bei "Scentless Apprentice" steht das außer Frage. Der Song ist inspiriert von Süskinds Das Parfum. Kurt trägt es dauerhaft mit sich. Mit "Rape Me" liefert er nach eigener Aussage einen Anti-Vergewaltigungssong. Er sei absichtlich einfach gehalten, damit niemand ihn falsch interpretieren könne.

Zum Fackelträger von In Utero wird jedoch "Heart-Shaped Box". Cobain hat ihn bereits 1992 geschrieben. Er benennt ihn nach einer herzförmigen Schachtel. Die hat er mal von Courtney Love geschenkt bekommen. Allerdings sollte der Titel ursprünglich "Heart-Shaped Coffin" (herzförmiger Sarg) lauten. Laut Kurt sind die Lyrics von Doumentationen über krebskranke Kinder beeinflusst. Der Refrain "Hey, wait, I've got a new complaint", soll zeigen, wie er selbst von den Medien dargestellt wurde. Hierzu hat Courtney Love ihre eigene Meinung und twitterte Jahre später, der Songtitel beziehe sich auf ihre Vagina...

Das mutigste Statement des Grunge ist gleichzeitig sein letztes Aufheulen. Was mit In Utero bleibt, ist ein künstlerisches Statment Cobains. Ein Album wie eine Vertrauensfrage, die seine Anhänger in Fans und Fashionados aufteilt. Denn Kurt war sich sicher: "Dies war genau die Platte, die ich selbst als Nirvana-Fan kaufen würde."

Text: Lars Thieleke

Fotos: Getty Images (Paul Bergen), Getty Images (Jeff Kravitz)

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