Masterpiece: Rose Tattoo

Obwohl Rose Tattoo mit der Slide-Gitarre ein Alleinstellungsmerkmal haben, segeln sie lange im Schatten von AC/DC. Zu Unrecht, wie wir finden. Das beweist schon ihr Debüt von 1978.

Rose Tattoo werden von Pete Wells in Sydney ins Leben gerufen. Der ehemalige Buffalo-Bassist ist zur Slide-Gitarre gewechselt und hat eine genaue Vorstellung von seiner künftigen Combo: Sie soll den lautesten, aggressivsten Rock’n’Roll spielen, den die Welt je gehört hat – und alle Mitglieder sollten tätowiert sein.

Mit Sänger Tony Lake und Gitarrist Leigh Johnston wagt er die ersten Gehversuche. Kurz darauf trifft Wells auf den Sänger Gary „Angry“ Anderson, der über eine Stimme verfügt, die viele an den jungen Rod Stewart erinnert. Die Chemie zwischen den beiden stimmt von Beginn an, weshalb das kleine Kraftpaket auf den Platz am Mikrofon einwechselt.

Außerdem holt Wells Mick Cocks an die Rhythmus-gitarre, besetzt den Bass mit Ian Rilen von Band of Light und den Schlagzeughocker mit Michael Vandersluys. Rein äußerlich wirken die Tatts bereits wie eine eingeschworene Gang: der glatzköpfige Anderson mit kleiner Statur und großem Temperament, überragt von seinen Band-Kollegen mit kurzen Haarschnitten, abgetragenen Klamotten und allesamt, wie gewünscht, übersät mit Tätowierungen.

Songs von der Straße


Der Sound der frühen Rose Tattoo rührt eine energetische, räudige Rock-Mischung an: Die eigenwilligen Slide-Gitarreneinsätze brechen sich mit Hardrock-Riffs und Punk-Attitüde und schmiegen sich an bluesige Grooves. Nach wenigen Monaten erfolgt ein weiterer Besetzungswechsel, der die Formation für das Debütalbum komplettiert:

Für Vandersluys wird Dallas „Digger“ Royal an den Drums rekrutiert, der schon zusammen mit Angry Anderson in der Melbourner Truppe Buster Brown musiziert hat. Dort trafen sie übrigens auch mit einem gewissen Phil Rudd zusammen, der anschließend bekanntermaßen Kesselklopfer bei AC/DC wurde. Auch die australische Musikszene ist eben ein Dorf.

Die Rose-Tattoo-Mitglieder entstammen allesamt den sozial schwächeren Vierteln der australischen Großstädte und sind von Fabriken und Arbeiteralltag geprägt. Angry Andersons Texte erzählen daher meist direkt aus dem wahren Leben: Der nächtliche, blutige Showdown zwischen „The Butcher and Fast Eddy“ aus dem gleichnamigen Song hat beispielsweise tatsächlich zwischen zwei Banden in den dunklen Ecken Melbournes stattgefunden.

Den Song "Nice Boys" vom Debüt-Album spielten Rose Tattoo während ihrer Deutschland-Tour 2018:

Starthilfe von AC/DC

Ihr Straßenimage hegen und pflegen die Tatts: Sie machen vor Partys, Exzessen und Schlägereien keinen Halt. Als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit lassen sie sich Ringe auf ihre Mittelfinger tätowieren. Ihre Attitüde fasst der Song „Rock’n’Roll Outlaw“ noch einmal deutlich zusammen: Ihnen schwebt ein Musikerleben on the road, ohne Verpflichtungen, abseits des Spießertums und gesellschaftlicher Normen vor.

Der Klassiker, der später das Album eröffnet, präsentiert gleich das Markenzeichen ihres Sounds: Mit seiner prominent eingesetzten Slide-Gitarre verleiht Pete Wells dem rockigen Blues-Rumpler eine melodiöse Note, die sich wie die australische Sonne in die Ohren brennt.

In unseren Breitengraden wird das Stück zuerst durch Helen Schneiders „Rock’n’Roll Gypsy“ bekannt. Die US-amerikanische Sängerin tourt 1980 mit Udo Lindenberg durch Deutschland und landet mit der abgeänderten Cover-Version hierzulande einen Top-Ten-Hit. Anderson, Wells, Cocks, Rilen und Digger sind hartnäckig und erspielen sich eine wachsende Fangemeinde, darunter auch Bon Scott und Angus Young von AC/DC, die sich gelegentlich den Tatts auf der Bühne anschließen.

Damit ihre rauhen Kollegen vorwärts kommen, machen sie schließlich den entscheidenden Zug: Sie geben den beiden Produzenten und Easybeats-Mitgliedern Harry Vanda und George Young den Tipp, sich die Band mal genauer anzuschauen.

Letzterer ist obendrein der ältere Bruder der AC/DC-Saitenfraktion Malcolm und Angus Young. Die beiden sind begeistert Ihr selbstbetiteltes Debütalbum zimmern die Herren weitestgehend live auf die Tonbänder. Der Sound ist daher straßentauglich roh, aber immer noch transparent genug, um die Nuancen von Wells’ Slide-Gitarre und Andersons einzigartiger Stimme rüberzubringen.

Bass im Knast

Zunächst wird die erste Single „Bad Boy for Love“ veröffentlicht. Sie erobert die Radio-stationen des Landes und verschafft dem Fünfer den Durchbruch in seiner Heimat. Die Nummer geht noch auf das Schreibkonto des ursprünglichen Bassisten Ian Rilen. Der stampfende Hardrock-Groover erzählt von einem Typen, der immer wieder hinter Gittern landet. Rilen weiß, wovon er schreibt: Sein Interesse am Bassspielen wurde geweckt, als er sich in jungen Jahren im Knast die Zeit vertreiben wollte.

1981 wird das Debütalbum unter dem Titel Rock'n'Roll Outlaw endlich in der UK veröffentlicht. Der bluesige Hardrock aus Australien findet schließlich auf dem alten Kontinent so viel Gefallen, dass Rose Tattoo kurzerhand ins Vorprogramm von Rainbow eingeladen werden. Das verschafft den Musikern viel Aufmerksamkeit, zumal sie mit ihren kompromisslosen Live-Qualitäten immer mehr Fans für sich gewinnen können.

Durch die Verzögerung des Europa-Releases ihres Debüts landen die fünf mit dem bereits fertiggestellten Nachfolger Assault & Battery 1981 gleich einen Anschlusstreffer und schaffen schließlich auch in England den Durchbruch. Dort gelten sie schnell als die neuen Metal-Helden, obwohl sich Angry und Konsorten eher an den Rolling Stones als an Judas Priest orientieren.

Nach zwischenzeitlicher Auflösung gelingt 1993 überraschend die Wiederauferstehung mit Hilfe von Guns N’ Roses, welche die eigentlich ruhenden Tatts in ihr Vorprogramm einladen – und so waren sie im Mai 2018 mit ihnen auf Tour unterwegs. Auch wenn die Mannschaft um Angry Anderson in die Jahre gekommen ist, bleiben ihr großartiges Debüt mit zeitlosen Klassikern, ihr großer Einfluss auf zahlreiche heutige Bands – und Rosentätowierungen auf rebellischer Männerhaut.

Text: Isabell Raddatz

Fotos: Golden Robot Records, Getty Images, Markus Thiesen

Den gesamten Artikel inklusive Riffbeispiele und Noten/Tabs findet ihr in der guitar 6/2018 - die ihr euch hier problemlos als PDF inklusive Download-Files holen oder nach Hause liefern lassen könnt.

Von links nach rechts: Pete Wells (g), Mick-Cocks-Ersatzmann Robin Riley (g), Geordie Leich (b), Digger Royal (d); vorne: Angry Anderson (voc)

Von links nach rechts: Pete Wells (g), Mick-Cocks-Ersatzmann Robin Riley (g), Geordie Leich (b), Digger Royal (d); vorne: Angry Anderson (voc)