Schecter TS/H-1 Classic – Cooler Sound im Vintage-Gewand

Schecter wird in der Regel mit astreinen Rock- und Metal-Ästen in Verbindung gebracht. Dass der US- Hersteller auch einige Gitarren im Retro-Style im Programm hat, wissen nur die wenigsten. Eine davon ist die Schecter TS/H-1, die ein kleines Update erfahren hat.

Mit Endorsern, die ein hartes Genre 
beackern, hat sich Schecter vor allem unter Metalheads einen Namen gemacht. Daneben wurden für die Retro-Linie Modelle entwickelt, die sich an Klassikern orientieren, diese jedoch nicht kopieren. Vielmehr kommen die Gitarren mit Vintage-Touch in einem ganz eigenen Look, der bestenfalls an das eine oder andere Modell erinnert.

Die TS/H-1 scheint sich auf den ersten Blick eine Rickenbacker zum Vorbild zu nehmen. Diese diente bei genauerem Hinsehen wohl nur als grobe Skizze.

Den Test findet ihr in guitar 8/17 – hier als Print- oder digitale Ausgabe zu bestellen!

Röhrenbucker


Die Gitarre wurde 2011 ins Sortiment aufgenommen. Einer der deutlichsten Unterschiede zum damaligen Modell sind die Tubebucker-Pickups im Humbucker-Format. Noch mehr Vintage-Feeling verschafft der überaus ergonomische Korpus mit seiner durchschimmernden Lackierung.

So ist die breite Maserung des Ahornhalses durch die Sunburst-Lackierung deutlich zu sehen. Ein cremefarbenes Binding rundet die Übergänge zwischen Boden, Zargen und Decke sowie das Griffbrett ab. Die honiggoldene Gitarre sieht richtig lecker aus! Ein Schallloch gibt ein wenig Einblick in den Korpus, der mit Kammern ausgestattet ist. Das cremefarbene Pickguard fügt sich genauso geschmeidig in die Optik ein wie das glänzende Chrom der Hardware.

Der Hals aus Ahorn ist eingeleimt und mit einem Griffbrett aus Palisander bestückt. Die Bündstäbchen machen zusammen mit den Block-Inlays einen kräftigen und sauber verarbeiteten Eindruck. Die Saiten laufen vom Schecter-eigenen Vintage-Tailpiece über eine Tune-o-Matic-Bridge in Mechaniken von Grover. An der Hardware wurde absolut nicht gespart. Die Mechaniken laufen sehr rund und bringen das gute Stück schnell in Stimmung.

Bevor wir allerdings zum Test ansetzen, werfen wir natürlich noch einen genauen Blick auf die Hardware. Die erwähnten Pickups werden über einen Dreiwegschalter angewählt. Zwei Volumen- und zwei Tone-Regler stehen für die Modulierung des Sounds zur Verfügung. Schließlich sorgt ein weiterer Schalter dafür, dass sich die Humbucker splitten lassen. So stehen schnell weitere Sounds zur Verfügung.

Die Gitarre liegt gut in der Hand, der Korpus ist allerdings unvermutet schwer. Sowohl die fetten Bünde als auch der Korpus weisen also darauf hin: Hier hat man etwas in der Hand! Trocken angespielt, ist der Sound laut und typisch drahtig. Es spielt eine gewisse Brillanz hinein, an der die Ahorndecke nicht ganz unschuldig sein dürfte.

Viel spannender ist natürlich, was an der langen Leine passiert. Und das ist eine Menge. Wer glaubt, Schecter könne einen Retro-Look nicht mit einem modernen Sound verbinden, irrt. Die Pickups haben einen ordentlichen Output, wodurch sich effektiv mit dem Volume-Regler spielen lässt. Der Ton am Steg hat sehr viel Punch, der clean zu Rock’n’Roll und sogar Country einlädt.

Unmöbliertes Untergeschoss


Wer in den High-Gain-Modus schaltet, kriegt plötzlich einen richtiggehenden Tritt ins unmöblierte Untergeschoss. Der satte Ton erlaubt sowohl harten Riff-Rock als auch Powerchord-Wände, die sich hören lassen können. Das Runterregeln des Volume-Potis verschafft dem Instrument das Vintage-Feeling, das es optisch ausstrahlt. Diese Vielfältigkeit verleiht der Gitarre ihren Wohlfühlcharakter.

Schließlich kann der Autor hier sowohl richtig die Sau rauslassen – wenn Frau und Kind nicht da sind – als auch den moody blues zelebrieren (vielleicht auch für Frau und Kind geeignet). Und nebenbei soliert es sich dank tragfähiger Sounds auch ziemlich gut.

Die Mittelposition im HB-Modus wird für meinen Geschmack durch die splittbaren Doppelspuler zwar nicht obsolet, in gesplitteter Manier gefällt mir diese Position aber deutlich besser. Der Tonabnehmer am Hals weiß noch einmal zu überraschen: Generell klingt die Schecter auch an dieser Position sowohl clean als auch verzerrt breit und warm.

Auch in Mittelstellung weiß man zu überzeugen: Es glockt, es schmatzt, es perlt: Hier ist einfach alles drin, was das Herz eines Gitarristen begehrt, der eben nicht zu den harten Äxten von Schecter greifen mag.

Empfehlenswert sei hier auch ein Ausflug zu cleanen Riffs, die aus Akkorden zusammengesetzt sind. Mit einem Chorus kommt die Schecter dann auch beinahe an den Rickenbacker-Sound heran.

Beide Tonabnehmer
reagieren äußerst dynamisch auf den Anschlag, Natürlich ist ein Clean-Sound vornehmlich clean, wer aber härter zulangt, stößt bei voll aufgedrehtem Volume-Regler schon auf einen bissigen Ton. „Shake, Rattle and Roll“ lautet hier wohl die Devise! Kommt seitens des Verstärkers mehr Schmutz hinzu, so ist das Sustain, wenn auch nicht die größte Stärke der Gitarre, dennoch überzeugend. Ihr Trumpf ist vielmehr der knackig-kräftige Sound, der sich im Gehörgang festbeißt.

Das bleibt hängen


Kann Schecter nur hart? Mitnichten! Die TS/H-1 Classic ist der Beweis, dass sich das Qualitätsbewusstsein des Herstellers sehr gut mit einer klassischen Optik verbinden lässt. Her-ausgekommen ist dabei ein Sound, der traditionell, aber nicht angestaubt ist. Durch das Spiel mit dem Volume-Regler ist der Output der Pickups gut zu bändigen. Wer also lieber crunchig die Stones abfeiert, liegt mit der Schecter TS/H-1 genauso richtig wie Fans von erdigem Riffrock. Sogar Freunde eines kräftigen Clean-Sounds kommen hier auf ihre 
Kosten. Was will man mehr?

Jens Prüwer

Schecter Classic aus guitar 8/17 - Headstock

Headstock mit hervorgehobenen Schecter-Logo