Taylor Guitars V-Class-Bracing

Wenn eine der kreativsten Firmen im Bereich der akustischen Gitarre, Taylor Guitars,
zu einem Termin einlädt, für den nichts weniger als die Vorstellung der Revolution des Gitarrenbaus angekündigt wurde, dann darf man gespannt sein.

Innovationen im Gitarrenbereich sind meist zwiespältig zu betrachten, denn allzu oft wird alter Wein in neuen Schläuchen serviert. Man kennt das: Da wird eine Sensation angekündigt (kleiner geht’s heute nicht mehr), und dann entpuppt sich die vermeintliche Sensation als originale „Und-wirklich-genau-wie-früher“-Plastikmischung für den Pickupschalter oder die Knöpfe der Mechaniken.

Es gibt aber auch Ankündigungen, da keimt Hoffnung auf. Wenn Bob Taylor und Andy Powers, seines Zeichens der neue Master Luthier bei Taylor Guitars, rufen, dann stehen die Zeichen gut dafür, dass es sich lohnt, diesem Ruf Folge zu leisten.

Wer sich an die vergangenen Jahre unter der kreativen Regie Andy Powers’ erinnert, der kann dessen kreatives Potential in etwa einschätzen. Nicht nur, dass Powers noch keine 40 Lenze zählt, aber schon ungefähr 30 Jahre Gitarren baut (kein Witz), er also Erfahrung noch und nöcher hat: Ihn treibt ein beinahe manischer Wille zur Innovation an. So hat er mit der Maple Series quasi aus dem Stand heraus all jene Lügen gestraft, die Ahorn als untauglich für den Bau einer akustischen Gitarre abseits einer Zwölfsaitigen oder einer Jumbo abgetan haben. Powers nahm Ahorn, färbte es ein (für die, die auch mit den Augen hören), veränderte die Beleistung der Decke – und heraus kamen Gitarren, die warm, voll, satt und alles andere als spitz oder dünn klangen.

Bob Taylor und Andy Powers sind ein geborenes Team, in dem Taylor zugunsten seines Gitarrenbauerziehsohns immer weiter in den Hintergrund tritt und sich umso intensiver um die Herausforderungen moderner Forstwirtschaft kümmert. Powers hingegen genießt die volle Unterstützung Taylors und wird offensichtlich nicht müde, am Konzept der Akustikgitarre zu feilen. Aber nicht alle Geschichten fangen so analytisch an …

Wenn Holz erzählen könnte

Eines steht fest: Hört man Andy Powers über Hölzer, Gitarren, deren Bau und die Physik dahinter reden, bemerkt man unweigerlich, wie viel Esprit er dabei versprüht. Man muss den US-Amerikanern – und in diesem Fall Andy – eines lassen: Sie können einfach Geschichten erzählen. Da ist es dann auch vollkommen egal, ob es im Detail exakt so war oder ob die Marketing-Abteilung noch ein wenig nachfrisiert hat.

Die Geschichte hinter Taylors nächster Revolution beginnt eines Tages an Andys ganz persönlicher Meeresküste: „Ich bin extra früh aufgestanden, meine Frau und Kinder haben noch geschlafen, und bin zu meinem Lieblingsstrand gefahren, um eine Runde zu surfen. Aber das Meer war aufgewühlt und unruhig, bot keine guten Voraussetzungen für einen anständigen Ritt auf der Welle. Beim Blick auf das sich kräuselnde Wasser, das in sich keine Ruhe zu finden schien, kam mir der Gedanke, dass meine Gitarren sich ebenso verhielten: Sie waren aufgewühlt, voller Konflikte zwischen verschiedenen Parametern. Sie ruhten nicht: Sie kämpften mit sich selbst.

Das mag ein wenig blumig klingen, aber betrachtet man die Decke einer akustischen Gitarre, also das zentrale Element der Klangerzeugung, dann kann man erahnen, was Powers meint. Bei einer herkömmlichen Deckenkonstruktion geht es irgendwo immer um einen Kompromiss zwischen den Extremen. Eine möglichst dünne Decke schwingt besser als eine dicke und steife.

Sie verliert aber an statischer Belastbarkeit, kann ab einer gewissen Stärke dem Saitenzug nicht mehr entgegenwirken und reißt. Also verpasst man ihr eine Beleistung, die die Decke wieder versteift. Dann wird diese Beleistung ebenfalls mit dem Stemmeisen bearbeitet, bis auch sie an der physischen Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt ist.

Als nächster Schritt wird der Deckenteil neben dem Zargen in Teilen dünner ausgeführt als der Rest, so dass die Decke flexibler „aufgehängt“ ist und ähnlich der Kalotte eines Lautsprechers schwingen kann. Der geneigte Leser kann also auch ohne Physikstudium erahnen, dass sich hier tatsächlich ein Konflikt abzeichnet: Klang versus Statik – und zwar auf allen Ebenen.

Grenzen der Physik

Leider läuft es im Gitarrenbau nicht nach dem Motto „Problem erkannt, Problem gebannt“. Die Physik ist unerbittlich, eine Decke bleibt eine Decke, und sie benötigt eine Beleistung. Das klassische X-Bracing in all seinen Varianten lässt seit seiner Einführung durch Martin Guitars anno Tobak die Decke in einer Auf-und-ab-Bewegung schwingen.

Das bedeutet nichts weniger, als dass sich die Brücke hebt und senkt. Das sieht man nicht, aber die Schwingung kann man wahrnehmen. Powers hat das Bracing nun insofern verändert, dass er die Leisten nicht mehr kreuzt, sondern zwei Leisten so positioniert, dass sie wie ein V unter der Brücke und am Schallloch vorbeilaufen. Eine Querleiste unter dem Schallloch und vier kleinere Leisten, die die Decke zum Rand hin stabilisieren, sind die einzig weiteren Statikhelfer unter der Decke. Ein dünnes Stück Holz verstärkt die Stelle direkt unter der Bridge; um den Deckenrand verläuft eine Hohlkehle, die die Decke flexibler am Zargen „aufhängt“. Auf den ersten Blick erscheint dieses V-Bracing nicht wie eine weltbewegende Neuheit – bis der erste Ton erklingt. Und erklingt. Und erklingt …

Innerer Saitenfrieden

Es ist ein bisher ungehörtes Klangerleben, das sich in der Builder's-Edition-Gitarre mit V-Class-Bracing abspielt. Freilich, Powers versteht sein Handwerk. Dass er eine schlechte Gitarre baut, dürfte heutzutage kaum noch vorkommen, aber die völlige Ausgewogenheit, die diese Gitarre klanglich vermittelt, ist eine andere Liga. An dieser Stelle verlassen wir den Faktenmodus und begeben uns auf die emotionale Ebene, denn Gitarren sind für Musiker in den allermeisten Fällen nicht nur bloße Werkzeuge, sondern Begleiter, Freunde, Helfer in der Not. Man denke nur an die alten Blues-Helden …

Die Builder's-Edition ist bis auf das Bracing eine weitgehend „normale“ Gitarre, und doch offenbart sie eine andere Klangwelt. Hier von „besser“ oder „schlechter“ zu reden, wäre kaum angemessen, denn diese Bewertung liegt ausschließlich im Ohr des Betrachters. In jedem Fall lässt sich sagen: Das V-Class-Bracing erzeugt einen ebenen und gleichmäßigen Ton, der auch exakt so ausschwingt. Er wird langsam und gleichförmig leiser. Es kommt einfach nicht der Punkt, an dem er zu taumeln scheint, um dann in sich zusammenzufallen. Der Punkt, an dem er vom Kompromiss zwischen Klang und Statik zerrieben wird, scheint hier nicht zu existieren.

Obendrein hat das Aushebeln uralter Konflikte zu einer nahezu perfekten Intonation geführt. Es ist überaus beeindruckend, wie sauber ein offener E-Dur- und direkt danach ein offener G-Dur-Akkord mit zusätzlicher Quinte auf der h-Saite im dritten Bund intoniert. Das lästige Stimmen nach Tonart kann man hier in weiten Teilen ad acta legen.

Die Taylor mit dem neuen V-Class-Bracing ist dabei kein ausgeprägter Charakterkopf wie etwa eine 00 aus der Pre-War-Ära. Sie verfolgt ein anderes Ziel. Die Builder's Edition setzt wie keine andere bis dato gespielte Gitarre exakt das um, was der Gitarrist vorgibt. Laut, leise, hart oder zart – all diese Facetten des eigenen Spiels gibt sie schnörkellos und lupenrein wieder. Was man hört, ist weniger die Gitarre: Man hört den Gitarristen. Das mag wenig revolutionär klingen, für so manchen Zuhörer aber ein echter Ohrenöffner sein.

Text und Fotos: Stephan Hildebrand