Test: Teuflische Lanze LTD Nergal-6

Was passt besser zu Halloween als die schaurigen Klänge von Behemoth? Ab Januar sind die Jungs in Deutschland auf Tour - wir haben uns Nergals Ausstattung jetzt schon angeschaut: die LTD Nergal-6

Der gute Adam „Nergal“ Darski ist nicht unumstritten: Von der polnischen Regierung verklagt und aus der Kirche verstoßen, bietet dem Freigeist die Musik eine gute Plattform, um sich gegen die Verurteilung seiner selbst und anderer Menschen in seinem Heimatland Polen zu verteidigen. Hierfür wurde seine neue Geheimwaffe geschmiedet: die LTD Nergal-6! Ob er sie wohl auch auf der Deutschland-Tour von Behemoth Anfang 2019 spielen wird? Wir werden sehen.

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Nergal und ESP besteht bereits seit 2007. Nun wurde es Zeit für ein neues Modell. War Adams Country-Ausflug mit Me and That Men ausschlaggebend, designtechnisch diskreter aufzutreten? Rein optisch betrachtet, liegen zwischen seinem alten, extrovertierten Model ESP Hex-7 und seiner jüngsten Kreation wahrlich weite Welten.

Adam und LTD setzten auf eine Set-thru-Konstruktion mit Mahagonikorpus und einem dreiteiligen Mahagonihals, der mit seinen präzisen 24 Jumbo-Bünden einer „Stairway to Hell  “ gleicht. Das schlanke, aber dennoch griffige Thin-U-Profil verspricht hervorragende Spieleigenschaften und ermöglicht einen komfortablen Zugang in höchste Lagen. Auf dem Griffbrett aus Macassar-Ebenholz thront im zwölften Bund ein „Behemoth Trinity“-Logo (Ein solches trägt Adam auch als Tattoo am Hals), das unmissverständlich klarmacht, dass hier eher der Kellermeister am Werk war! Basierend auf dem klassischen Eclipse-Design, versteht sich diese Singlecut-E-Gitarre als das perfekte Synonym für tiefschwarze Riffs und dunkle Klänge.

Kein Vergleich zur E-II

Erst nach genauem Hinsehen offenbaren sich die feinen Details. Ein dunkelgraues Binding kommt zum Vorschein, das die LTD am Korpus wie auch am Hals umrahmt. Und aufgemerkt: Die Dots auf der oberen Halskante sind fluoreszierend und zeigen selbst bei dunkelstem Bühnenlicht an, in welcher Lage man sich gerade aufhält. Das ist wirklich ein nützliches Gimmick, da im Griffbrett ansonsten keine weiteren Bundmarkierungen vorhanden sind. Auf der Kopfplattenrückseite findet man zu guter Letzt noch das obligatorische Autogramm von Herrn Darski persönlich.

Die Satin-Lackierung scheint an wenigen Stellen so dünn zu sein, dass beinahe das Holz durchscheint. Nun mag man sich über eine dünne Lackschicht ja prinzipiell freuen, deckend darf’s dann aber schon sein. Auch in Höhe des vierten Bundes stößt man rückseitig auf wenige leichte Unebenheiten, die beim Spielen kurz irritieren. Das Binding setzt sich an den Übergängen zum Korpus mehrfach minimal ab, was keine so große Sache ist, bei einer E-II aber definitiv nicht vorkommt.


Praxistest in der Dezibelzentrale



Ohne Frage wurde mit der Nergal-6 eine ernstzunehmende Axt gefertigt, die aus klanglicher Sicht eines deutlich klarstellt: keine Gnade, keine Gefangenen. Das Herzstück markiert das bereits bekannte aktive Fishman-Fluence-Modern-Humbucker-Gespann in der Alnico-Ausführung am Hals und der Keramik-variante am Steg. Es ist schlicht unglaublich, wie präzise die Töne in Bud-Spencer- und Terence-Hill-Manier aus dem Verstärker geklatscht werden. Satte Akkorde und sägende Riffs überzeugen durch ein sauberes Ansprechverhalten nicht nur, sondern machen beinahe auch süchtig.

Ob Stakkato, Melodie oder Akkorde, die straffe Ansprache und das ausdauernde Sustain lassen hier ein schmackhaftes Barbecue entstehen. Das Fishman-Höllenduo kann aber noch mehr. Kaum ein anderer aktiver Pickup-Typ ist meiner persönlichen Meinung nach in der Lage, sich derart charakterstark zu präsentieren. Hier können Riffs auch bei hohem Gain-Level dynamischer und mit weniger Aggression widergegeben werden. Das verschafft der Gitarre einen überragend lebendigen und natürlichen Klang, mit dem sie einer ähnlichen Konstruktion etwa mit EMGs den Rang ablaufen kann.

Die LTD Nergal-6 ist klar und deutlich ein Dämon im Schafspelz, der als solcher nicht erkannt werden möchte: optisch ohne bahnbrechende Innovationen, aber dafür steckt der Teufel hier wahrlich im Holz! Wer sich trotz kleiner Schönheitsfehler von diesem Instrument in den Bann gezogen fühlt, wird nach dem Kauf seinen Glauben an Gott nicht verlieren. Oder jetzt zu Halloween an Satan? Ach, ist doch auch (N)e(r)gal … Es sei allerdings anzumerken, dass LTD mit der EC-1000s Fluence (Test in guitar 9/18) ein nahezu identisch ausgestattetes Instrument anbietet, die rund 200 Euro günstiger ist.

Text: Daniel Kirstein