Wacken 2018: Staub, Schweiß, Sound

Geht Wacken ohne Schlamm? Aber ja! Vor allem wenn es eine neue PA und hochmotivierte Bands wie Fans gibt. Die Mischung macht´s einmal mehr, von Geknüppel bis Otto Waalkes reicht die Bandbreite. Ein Kurzreview.

Text: Nico Ernst, Foto: Nico Ernst & Anja Kaul

Das Internet platzt wieder mal aus allen Browsern, Metal ist überall - das Wacken Open Air setzte auch 2018 das Thema des ersten Augustwochenendes. guitar will den Blick etwas auf die Änderungen an Technik und Infrastruktur des größten Metal-Festivals lenken, ausführlichere Kritiken zu den Bands gibt es dann demnächst im Heft.

Die im Vorjahr begonnene Evolution hat das WOA fortgesetzt. Das Gelände wurde leicht umgestaltet, Container statt Traversen markieren die Portale, es gibt Dach-Inseln die nach modernem Messebau aussehen und den alten Achtmaster als Gaming-Zelt der Profiliga ESL, wo Fans und Musiker zocken können. Das Bullhead-Zelt hat nun 15 Masten und Platz für 8.000 Zuschauer, was immer noch nicht reicht - das Einlasssystem ist nicht ausgereift, viele, auch Journalisten, verpassen etliche Bands. Das bekommt Wacken aber sicher 2019 besser hin.

Der Rest ist erstklassig, wie auch das Wetter: Bis auf den Abreisetag Sonntag sind stets rund 30 Grad und kein Regen geboten. Gar kein Regen. Weder bei Aufbau, Party oder Abbau - zum ersten Mal, wie Mitbegründer Holger Hübner auf der Abschlusspressekonferenz betont. Das ergibt Staub, jeder Menge Staub. Um den zu bekämpfen fahren täglich Dutzende von landwirtschaftlichen Sprengfahrzeugen Wasser auf die Flächen, was stets bis zum frühen Nachmittag tatsächlich hilft.

Die 2014, beim letzten trockenen WOA, zu sehende statische Wolke wie bei der Stampede in einem Western tritt nicht mehr auf. Dennoch überzieht das Zeug ab Mittwoch alles und knirscht zwischen den Zähnen. Und in Amps und Kameras. Immer noch besser als der Matsch, bei dem man jeden Schritt zweimal gehen muss.

Um die 75.000 Full-Metal-Bags umzupacken, war wohl keine Zeit mehr, denn darin fehlt die früher mal enthaltene Staubschutzmaske. Was von den Dingern noch da ist, verkaufen die Veranstalter für faire 50 Cent, den Rest besorgen Halstücher, Bandanas etc. von den vielen Händlern.

Geheimtipp der guitar: Medizinischen Mundschutz gibt´s in jeder Apotheke, der ist billig, und so leicht, dass man darunter kaum mehr schwitzt. Wenn doch: die Zahl der Gratis-Ausgabestellen für Trinkwasser wurde verdoppelt, und die Bierpipeline liefert trotz der Temperaturen noch genügend Rocker-Energydrink.

Mit Spannung wurde die Leistung der neuen PA aus der GSL-Serie von d&b erwartet. Vor allem unter Musikern und Tontechnikern war der durch den Wind ohnehin schon schwierige Sound auf Wacken stets umstritten, da das Gelände des Infields leicht ansteigt, muss die PA nicht nur gegen den Fleischfilter, sondern auch wie gegen eine Wand spielen. Das klappte früher mal mehr, mal weniger gut.

Auch 2018 ist das so, denn das neue Werkzeug verlangt den Tonis und Systemern einiges ab, über die Tage hinweg wird das zunehmend besser. Schon am Donnerstag sind aber Judas Priest glasklar, sehr differenziert und mit viel Druck zu bewundern, In Flames am Samstag dagegen klingen von Song zu Song unterschiedlich: Mal Mulm, mal kaum Gitarren, mal gut.

Sich von der Festival-Crew wirklich helfen zu lassen, ist insbesondere in Wacken für alle Techniker angezeigt. Kurzum: Was die Bananen und monströsen Subwoofer können, zeigte sich nicht bei allen Bands. Aber die Verbesserungen sind klar hörbar, die Investitionen lohnen sich.

De facto beginnt das WOA nun schon am Mittwoch. Wo früher nur die Feuerwehrkapelle spielte, sind nun im Zelt schon namhafte Bands wie die Backyard Babies, Fischer Z und Sepultura geboten. Da die Fans nun schon am Montagnachmittag auf den Zeltplatz dürfen, ist das eine gute Idee, und auch die Anreise entzerrt sich deutlich.

Das bleibt auch 2019 so, ebenso wie der Preis von 220 Euro für das Ticket samt freier Nutzung von Duschen und WCs. Unverändert blieben auch 2018 Bier- und T-Shirt-Preis. Schwer in Ordnung, was dafür geboten wird. Den Monster-Headliner gibt´s noch immer nicht, dafür zum 30. Jubiläum 2019 einmal querbeet durch die Szene: Airbourne, Avatar, Dark Funeral, Demons & Wizards, Krokus, Meshuggah, Parkway Drive, Powerwolf, Rose Tattoo, Sabaton und Within Temptation sind bisher angekündigt, viele weitere werden folgen.

Was es bei Bands und Besuchern sonst noch relevantes gab hier als Newssplitter:

- Mark Tremonti hat einen uralten Dimebag-Darrell-Sticker auf seiner teuren PRS. Das, und der gut laute Dual-Recti auf der Bühne sind schöne Metal-Statements.

- Judas Priest haben die alten Songs sanft modernisiert. Mal tiefer, damit Halford mitkommt, mal schneller, und mit Richie Faulker als neuem Chef-Poser. Glen Tipton wird umjubelt, als der von Parkinson geplagte Gitarrist bei zwei Songs mitzockt. Bandzusammenhalt? Check!

- Frau Schmidt, Seniorin, wird im VW-Bus über die Campgrounds gefahren. Sie winkt freundlich. Ihre Betreuerin meint: "Aber Frau Schmidt, wir haben doch geübt!". Sofort zückt die alte Dame die Pommesgabel.

- Eric Martin von Mr. Big spielt ganz großes Understatement: "Das ist also der Höhepunkt meiner Karriere: Wir spielen auf Wacken!" Der Mann hat das legendäre Budokan in Tokio mehrfach ausverkauft und ein Rudel Fans aus Japan auf den Acker gelockt.

- Die Night to Dismember am Donnerstag ist für alle Headliner-Verachter inzwischen eine Institution: Watain, Belphegor, Dying Fetus, Sarke und Gaahls Wyrd schrauben Hartwurstfreunden im Zelt den Kopf ab.

- Steel Panther haben nicht nur 17, sondern rund 30 Damen auf der Bühne, die teils blankziehen. Sehr verdächtig nur, dass die meisten der vermeintlichen Festivalbesucherinnen völlig unverschwitzt und frisch geschminkt sind ...

- Nightwish sind schlicht die Konsensband - das Infield ist voller als bei Priest. Und die erste Reihe fest in Frauenhand. Mädchenmetal? Klar, aber auf so hohem Niveau, dass auch Oldschool-Metaller mit Ohren nur für Riffs sich dem nicht entziehen können.

- Arch Enemy schaffen es erneut nicht, eine auch nur minimal schwache Show zu spielen. Amott packt irre viele Sounds aus, und Alissa gurgelt und grunzt noch mehr als vor ein paar Wochen auf dem Rockavaria. Für Wacken gibt eben jeder alles.

- In Flames meinen, ihren Namen nochmal pyrologisch erklären zu müssen: Die Fotografen schwitzen beim Opener mehr als zuvor in der Sonne, so lange stehen die Feuersäulen. Keine Unfälle, da sind die Bühnenprofis schon vor, trotzdem lästig. Der teils tolle Sound und die Hits bleiben unantastbar.

- Vince Neil kann zwar noch singen, aber keinen Gesichtsausdruck außer dem festgespritzten Lächeln mehr einnehmen. Aber, hey: Alles Hollywood!

- Die Polizei fährt, weil sonst so wenig zu tun ist, nachts zwei sehr verwirrte junge Damen drei Stunden auf der Suche nach ihrem Zelt über die Grounds. Ein anderes Camp hat einen Kärcher mitgebracht und wäscht am Tag drauf spontan zwei Polizei-Bullis, die vorbeifuhren - Wacken verbindet.

- Otto Waalkes blödelt nicht nur, sondern spielt mit seiner Band "Friesenjungs" saubere Cover - sogar mit Originaltexten! Die Fans bedanken sich mit Happy Birthday für den vorherigen Siebzigsten - und zwar alle. Die Louder Stage ist dafür aber zu klein, bitte wiederholen, auf den ganz großen Bühnen.

- Helloween dürfen satte 2,5 Stunden spielen, was kein bisschen langweilig wird. Klar schwächelt Kiske manchmal wie auf der Hallentour, aber das ist immerhin so richtig live. Die Fans feiern über 30 Jahre Metal der vereinigten Kürbisse - als wär´s ein Ausblick auf 2019.