Wacken 2019 - Der Rückblick Teil 1

Unwetterwarnungen, Programmverschiebungen – die Geburtstagsparty des größten Metal-Festivals lief trotzdem fast reibungslos. Geniale Auftritte wie kleine Enttäuschungen sind immer drin, und 2020 wird das WOA generalüberholt. Ein Kurzreview von Deutschlands lautestem Acker.

„Herrrzlichen Glückwunsch an Wacken zum 30. Geburrrtstag!“ Dem Ober-Powerwolf-Attila Dorn rollt am Samstag das R besonders lang von der Zunge. Bis er den letzten Abend von Wacken 2019 einheult, ist es aber noch ein langer Weg. Aufgemacht haben sich erneut offiziell 75.000 zahlende Besucher sowie insgesamt einige Tausend Mitarbeiter, Händler, VIPs und Journalisten. Da inzwischen alle Camper die Wiesen schon ab Montag bevölkern dürfen, sind nach Angaben der Veranstalter am Dienstag bereits rund 20.000 Besucher vor Ort. Schon in der Nacht zum Mittwoch passiert Ungewohntes: Gegen halb vier Uhr morgens gibt es eine Unwetterwarnung, die per WOA-App und Lautsprecherdurchsagen verbreitet wird. Die Besucher sollen sich in ihre Fahrzeuge begeben. Nach unseren Beobachtungen machen das nicht alle, auch wenn sie grummelnd aus den Zelten Kenntnisnahme vermelden.


Etwas Matsch im Getriebe

Das Gewitter fällt dann auch viel milder aus, als man das auf dem Holy Ground schon erlebt hat, eine halbe Stunde Starkregen und dann Feierabend, aber kein Sturm. Nach einer guten Stunde wird die Warnung aufgehoben, am nächsten Morgen sind die Böden immer noch fest. Was WOA-Mitbegründer Thomas Jensen 2018 noch als „Anreisebespaßung" bezeichnet hatte, kann losgehen: Im großen Bullhead-Zelt spielen Sweet, Rose Tattoo und Sisters Of Mercy. Das aber jeweils gut eine Stunde später als geplant, denn gegen 17:30 Uhr gibt es die nächste amtliche Unwetterwarnung des deutschen Wetterdiensts. Gleiches Spiel wie in der Nacht, nur dass diesmal die inzwischen geöffneten Veranstaltungsflächen hinter den ersten Sperren geräumt werden, also inklusive Bullhead-Zelt und Biergarten. Ganz offensichtlich hat Wacken dafür aber einen Plan in der Schublade, denn nach Aufhebung der Warnung wird alles verschoben fortgesetzt, gestrichen wird nur einer der vielen jährlichen Auftritte von Mambo Kurt. Manche Bands müssen aber auf eine Viertelstunde Spielzeit verzichten. Obwohl der auf dem Gelände kaum zu finden, ist dennoch etwas Matsch im Getriebe der seit Jahren so reibungslos laufenden Maschine Wacken: Die Fans erfahren die neue Running-Order zunächst nur durch direktes Nachsehen in der WOA-App, per Push-Nachricht und auf anderen Kanälen rund eine Stunde später.

Sabaton klont sich selbst auf zwei Bühnen

Es schauert auch die nächsten Tage immer mal wieder, dazwischen knallt die Sonne ordentlich: Ein Rain/Shine-Wacken eben, von denen gab es noch nicht so viele. Von Warnungen bleibt der Donnerstag verschont, mit großer Spannung wird dann der Auftritt von Sabaton auf den beiden Hauptbühnen Faster und Harder erwartet. Den Standard dafür hatten Savatage und das Trans-Siberian Orchestra 2015 mit einer denkwürdigen Show gesetzt. So bombastisch wie damals fällst das bei Sabaton nicht aus: Statt großer Effekte spielen nach der Hälfte der Zeit auf der zweiten Bühne parallel die früheren Mitglieder um Gitarrist Thobbe Englund als das „alte Sabaton", wie Bandchef Joakim Broden erklärt. Der ist den ganzen Abend prima aufgelegt, lässt als erstes die „Ghost Divison“ los, und scherzt: „Wir spielen alten Scheiß, neuen Scheiß – und dazwischen nur Scheiß.“ Auch das Spiel mit „Noch ein Bier“, auf das er gar nicht so sehr steht (siehe Interview in guitar 8/2019), biegt er in der ersten Runde ab, indem er es einfach mit dem Rest der Band zelebriert. Der Sound lässt, wie so oft beim ersten großen Headliner eines Festivals, zu wünschen übrig, aber das Infield ist rappelvoll, die Fans feiern. Danach ist von ihnen allerdings zu hören, dass man sich vom 20. Bandjubiläum – denn das wurde neben dem Wacken-Geburtstag auch mitgefeiert – und der zweiten Bühne schon ein bisschen mehr versprochen hatte. Nicht unerwähnt soll bleiben, was für einen irren Job die Crew dabei geleistet hat: In nicht mal einer Stunde ist Sabatons gesamter „The Great Tour“-Aufbau inklusive Sandsäcken und Stacheldraht auf der Bühne. Turbo-Changeover, wie man ihn selten sieht.

Am Freitag wiederholt sich das Unwetterwarnungsritual vom Mittwoch, allerdings schon gegen 15 Uhr, sodass sich wieder alles nur etwas verschiebt, aber nichts ausfällt. Dass die Maßnahmen nicht übertrieben sind, zeigen schwere Schäden, die in Flensburg am Mittwoch auftraten. Ein Anwohner aus dem nur acht Kilometer entfernten Kleve berichtet guitar, er hätte in 50 Jahren noch nie so heftige Blitzeinschläge erlebt – das Festival hat schlicht Glück gehabt. Die Shows von Demons & Wizards, sowie Slayer finden wie geplant am Abend statt. Der Samstag bleibt ganz stressfrei, hier punkten dann zum Schluss Powerwolf, Saxon, Parkway Drive und Rage.

Wacken ändert sich – der Metal bleibt

Mittendrin gibt es am Samstag noch ein vorher nicht angekündigtes Highlight: Die „30th Anniversary Show", die auch die Ankündigung von unter anderem Judas Priest, Amon Amarth und Mercyful Fate für 2020 enthält. Matt Heafy von Trivium spielt dazu ein kurzes Solo. Die größte Überraschung ist aber, dass nicht nur das Video sondern auch der Tanz-Auftritt der mexikanischen Band Cemican als Aztekenkrieger erstmals dem gesamten Wacken Open Air ein Motto geben: Die Hochkulturen der Azteken und Maya sollen im nächsten Jahr das Festival nicht nur optisch, sondern in allen Bereichen prägen. Viele andere Events wurden in den letzten Jahren auf ein Thema ausgelegt, Wacken nun eben auch. Dass der Metal zu kurz kommt, muss man angesichts der weiteren Bestätigungen von At The Gates, Hypocrisy, Venom, Sodom, Death Angel, Sick Of It All, Beast In Black und Nervosa nicht befürchten. Die Bandbreite bleibt auf Wacken so hoch, wie sie immer war, und genau das macht für viele Besucher den größten Reiz aus. Nicht nur wegen Priest und Amon dürfte das WOA 2020 in 21 Stunden ausverkauft gewesen sein.
Dass größere Veränderungen bevorstehen, konnte man schon 2019 deutlich sehen. Statt des großen Gaming-Zelts – Spiele bleiben ein Thema, nur kleiner – gibt es mit der History-Stage eine neue Bühne, einen riesigen Supermarkt direkt auf dem Gelände, alle Flächen wurden weiter entzerrt. Die lange versprochenen befestigten Wege sind nun unter anderem im Wackinger-Village Realität, und sind auch bei festem Boden eine Erleichterung: Gummi statt betonhartem Ackerboden! Im Infield gibt es mehr Vidiwalls, inklusive einer neuen Reihe im hinteren Bereich. Kameraführung und Bildregie für die nun im Hochformat gehaltenen Displays klappten diesmal aber nicht immer.

Wer sonst noch stolperte oder seinen Triumphzug aufrecht abschritt – erfahrt ihr hier – im zweiten Teil unseres Wacken-Rückblicks.  

Text: Nico Ernst
Fotos: Nico Ernst & Anja Kaul