Workshop: Tony Iommi – Die Geschichte des Sabbath-Sounds

Als Frank Anthony Iommi 1948 im Birmingham des zerbombten Nachkriegs-England zur Welt kam, wusste noch niemand um die Bedeutung, die der kleine Draufgänger mal für die Musikwelt bekommen sollte. Seit dem Beginn seiner Musikerkarriere Anfang der Sechziger war er stets auf der Suche nach dem perfekten Equipment, um seine innovativen, düsteren Soundvorstellungen zu verwirklichen –
stetige Begleiter: ein Laney und seine treuen Gibson SGs …

Der Name Tony Iommi ist fest verwoben mit der Musik und Geschichte der englischen Heavy-Metal-Pioniere Black Sabbath. Schließlich ist der mittlerweile 69-jährige Brite Hauptsongwriter, Mitbegründer und das einzige Mitglied ohne Lücken im Band-Zeitstrahl. Schon früh nahm er auch auf dem Produzentenstuhl der Sabbath-Studioalben Platz und hatte dementsprechend viel am ikonischen Sound des Vierers mitzubasteln.

Auch die musikalischen Grundbausteine der Sabbath-Kompositionen – die tonnenschweren Doom-Riffs also – steuerte der schnauzbärtige Linkshänder nahezu allein den Proberaum-Jams der Bandanfänge bei. Da er darüber hinaus nie in anderen Bands aktiv war und selbst sein erstes geplantes Soloalbum Seventh Star von 1986 aus Marketing-Gründen als Sabbath-Album veröffentlicht wurde, ist es nicht zu weit hergeholt, die musikalische Entwicklung Black Sabbaths und die ihres Sounds mit derjenigen Tony Iommis gleichzusetzen.

So kennen viele Rockmusik-Fans die Geschichte, wie ein gerade mal 17 Jahre alter Tony am letzten Tag seiner Arbeit in einer Schweißerei einen Unfall hat, der seine ganze Gitarrenkarriere beeinflussen wird. Eine Metallpresse trennt ihm in einem unaufmerksamen Moment die Spitzen seines rechten Ring- und Mittelfingers ab – bis auf die Knochen. Als Linkshänder ist seine Greifhand damit quasi unbrauchbar.

Die Ärzte sind sich einig: Das war's mit dem Gitarrespielen. Umso vernichtender die Diagnose, sollte es doch schon am nächsten Tag mit den Rockin' Chevrolets nach Deutschland auf Tour gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tony seine Erstlingsgitarre, eine Watkins Rapier 22 aus dem Katalog, bereits gegen eine Burns Trisonic eingetauscht.

Beides britische Strat-Kopien, doch die Burns war ein deutliches Upgrade zur Watkins. Für damals circa 30 Pfund fiel die Wahl hauptsächlich deshalb auf die Rapier, weil es die einzige Linkshänderklampfe im Angebot war.

Not macht erfinderisch


Nach seinem Unfall war für Tony fast ein Jahr lang ans Gitarrespielen nicht mal zu denken. Erst motiviert durch seinen Vorarbeiter, der ihn mit der Musik des ebenfalls fingerlich eingeschränkten Django Reinhardt bekannt machte, beschloss er, der Musikerkarriere eine zweite Chance zu geben, und setzte daraufhin alles daran, seine Instrumente mit seinen beschränkten Möglichkeiten optimal bespielbar zu machen.

Tony 1970 live in Paris mit seiner SG Special

So reichte die Kohle irgendwann für eine echte Fender Stratocaster, eine Sunburst mit Palisandergriffbrett aus der Zeit vor CBS. 
Diese Strat war es auch, die den Tüftler in Tony als Erste zu spüren bekam. Die Bünde feilte er drastisch herunter und reduzierte die Saitenlage auf ein Minimum. So versuchte er, die Schmerzen zu verringern, die ihm das Spiel mit seinen verletzten Fingerkuppen und den provisorischen Prothesen aus Leder und einer geschmolzenen Plastikflasche bescherte.

Auf der Suche nach dünneren Saiten, um den Druck auf die verletzliche Fingerhaut zu verringern, ging er mehrere Hersteller an. Doch da machte ihm der damalige Markt, der nichts dergleichen im Angebot hatte, einen Strich durch die Rechnung. Die Lösung: Tony stellte sich einen passenden Satz Saiten aus einer Kombination von Gitarren- und Banjo-saiten zusammen.

„Alle erzählten sie mir, dass so etwas nicht machbar sei. Es würde mit der Halsspannung nicht funktionieren und was auch immer. Ich sagte nur: Aber es funktioniert doch, seht her, ich habe es schon gemacht!“ Erst 1971 nahmen sich schließlich Picato Strings der Idee an. 1967 erstand er eine Gibson SG Special, die ihm zunächst als Backup für seine Fender diente.

Zu dieser Zeit waren Sabbath gerade als Pulka Tulk Blues Band, ein Sextett mit Saxophon und Slide-Gitarre, aus den Bands Mythology und The Rare Breed entstanden. Man bediente noch eher ein bequem betrunkenes Bluesbar-Publikum anstatt Eltern mit düsteren Doom-Riffs landesweit in Panik zu versetzen.

Als schließlich die ersten eigenen Songs entstanden und es im Januar 1970 ins Studio ging, um den grandiosen Erstling Black Sabbath in einer Rekordzeit von acht Stunden einzuspielen, war die Strat die erste Wahl. Auf „Wicked World“ ist sie noch zu hören, bevor ein Pickup seinen Geist aufgab und Tony endgültig zur SG wechselte.

Als Produzent fungierte da noch Roger Bain, der aus den Achtspuraufnahmen, die oft schlicht first takes waren, wirklich alles rausholte. Die Band wurde schließlich bereits am nächsten Tag per Schiff Richtung Kontinent verfrachtet, um weiter live zu spielen. Die SG Special war eine gewöhnliche Rechtshänder, auf die Tony die Saiten falschrum aufzog.

Ein befreundeter Musiker – ein Rechtshänder – spielte das gleiche Modell, hatte aber eine Linkshandversion umgedreht. Die naheliegende Lösung für beide: Wir tauschen einfach! Diese eingetauschte SG sollte die berüchtigte „Monkey“ werden, die der Riffmeister auf den frühen Sabbath-Alben mit Ozzy hauptsächlich im Einsatz hatte, bevor sie in Rente ging. Inzwischen hat sie ihren Weg ins Hard Rock Cafe gefunden.

Text: Alexander Pozniak
Foto: Getty Images

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Tony Iommi Black Sabbath John Birch SG live