Fender Jazzmaster – Technik & Geschichte

Die ’50er Jahre des 20. Jahrhunderts sind gute Jahre für Fender – sehr gute. Die Telecaster, der Precision Bass und die Stratocaster schlagen ein wie die sprichwörtlichen Bomben. Leo Fender ist überzeugt: Da geht noch mehr!

Böse Zungen behaupten, dass Leo Fender zeitlebens nie wirklich begreift, welche Bedeutung seine Erfindungen, Instrumente und Verstärker haben, und vor allem für wen. Und auch nicht begreift, welche sie nicht haben. So ist beispielsweise zu erklären, wie er es schafft, eine Gitarre namens „Jazzmaster“ zu produzieren, die von kaum einem Jazzgitarristen freiwillig gespielt wird. Aber der Rock’n’Roll, die prägende Musikrichtung der 1950er und 1960er Jahre (und streng genommen aller darauf folgenden Jahrzehnte bis heute), ist Leos Ding so überhaupt nicht.

Er steht auf Country und leichten Jazz. Fender steht aber auch auf kommerziellen Erfolg, und er will die Gitarristen, die bis dahin eine Jazzbox von Gibson spielen, auf die Fender-Schiene holen. Der Anforderungskatalog enthält daher eine im Sitzen ausgewogen und bequem spielbare Gitarre mit einem kurzen, „jazzigen“ Sustain und einem weichen, warmen Sound. Eine flexible Schaltung sowie ein Vibratosystem sind ebenfalls in den Spezifikationen enthalten.

Und ganz wichtig ist, dass sie wertvoll aussieht. Letzteres hat unter anderem zur 
Folge, dass die Jazzmaster als erste Fender-Seriengitarre mit einem Palisandergriffbrett ausgestattet ist. Mit dem Korpus der Jazzmas-ter entwirft Leo Fender den ersten Body mit einer so genannten „offset waist“. Er ist asymmetrisch gestaltet und wirkt optisch etwas verschoben. Das verleiht ihm eine ausgezeichnete Balance, speziell wenn man die Gitarre im Sitzen spielt.

Allerdings ist die benötigte Holzmenge größer, weswegen die Jazzmaster im Mittel auch schwerer ausfällt als die Telecaster oder die Stratocaster. Genau das sollte eines der K.o.-Kriterien für Jazzgitarristen werden, die lieber bei ihren leichten Vollakustikgitarren bleiben. Übrigens wird diese Korpusform noch bei einigen weiteren Fender-Gitarren wie der Jaguar oder dem Bass VI verwendet. Vor allem jedoch stellt sie die Vorstufe zu einem der erfolgreichsten Bässe der Fender-Geschichte dar, dem Jazz Bass.

Flach und breit


Ein Alleinstellungsmerkmal der Jazzmas-ter sind ihre Singlecoil-Tonabnehmer. Die Grundkonstruktion ist identisch mit den bisherigen Pickups von Fender: eine einzelne Spule sowie sechs Stabmagneten als Pole-Pieces. Allerdings ist die Jazzmaster-Spule zum einen sehr breit, zum anderen sehr flach, wodurch Kennwerte wie Induktivität und Impedanz beeinflusst werden.

Der Jazzmaster-Pickup wird häufig mit dem Gibson P-90 verglichen, manchmal auch verwechselt. Das liegt nahe, denn sowohl die äußere Erscheinung als auch der Gleichstromwiderstand sind ähnlich. Nur sind eben die übrigen Konstruktionsmerkmale völlig anders, denn zum einen besitzt der P-90 einen wesentlich dickeren Spulenkörper und zum anderen einen zentralen, großen Magneten unterhalb des Pickups mit sechs nach oben führenden Pole-Pieces.

Der Sound eines Jazzmaster-Tonabnehmers ist deswegen auch mit dem des P-90 nicht zu vergleichen. Zwar besitzt er nicht die Schärfe eines Strat- oder gar eines Tele-Pickups, aber er ist auch weit entfernt von der rauen, mittigen Stimme, mit der der P-90 spricht. Sein Grundsound ist weich, warm, aber sehr klar und mit einem deutlichen Attack versehen.

Eigentlich wäre es ein solcher Sound, den Jazzgitarristen suchen. Diese gehören jedoch ungeachtet ihrer revolutionären Beiträge zur Musikentwicklung zu den Traditionalisten, wenn es um das Instrumentarium geht. Eine Fender wird nur dann in die Hand genommen, wenn sonst nichts in der Nähe ist oder es der Produzent bei einem Studiojob ausdrücklich verlangt.

Text: Jürgen Richter
Foto: Getty Images

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