Gibson: Antrag auf Insolvenzverfahren nach Chapter 11

Unser Titelthema der letzten guitar war leider prophetisch: Inzwischen hat Gibson in den USA Insolvenz angemeldet. Das läuft jedoch anders als in Europa, das Unternehmen kann zunächst in Eigenverwaltung versuchen, sich zu sanieren.

Was sich seit Anfang 2017 abzeichnete ist am 2. Mai nun eingetreten: Die Gibson Brands Inc. hat sich der US-amerikanischen Insolvenzregelung "Chapter 11" unterworfen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Unternehmen völlig bankrott ist und den Betrieb einstellen müsste, vielmehr handelt es sich um eine bestimmte Form von Gläubigerschutz. Tatsache ist aber, dass Gibson keinen anderen Ausweg sieht, seinen Schuldenberg von zuletzt rund einer halben Milliarde Dollar ohne einschneidende Maßnahmen selbst abzubauen.

Chapter 11 sieht eine häufig gewählte Option vor: Ein zahlungsunfähiges Unternehmen kann für eine gewisse Zeit - üblicherweise zunächst sechs Monate - vor seinen Gläubigern geschützt werden. In dieser Zeit sind Maßnahmen wie Pfändungen nicht möglich. Voraussetzung ist, dass die betroffene Firma sich unter gerichtliche Aufsicht stellt und sich im Vorfeld mit der Mehrheit seiner Gläubiger über die Option geeinigt hat.

Genau das hat Gibson getan. Es geht dabei aber nicht um den Gesamtbetrag, sondern nur um die 8,875 Prozent der Schuldscheine, die 2018 fällig werden. Wiederum nur 69 Prozent der Kapitalgeber, die diese Verschreibungen einfordern könnten, haben der Eigenverwaltung während der Schutzphase zugestimmt. Das Vertrauen in eine Sanierung ist aber offenbar groß, denn eine von Gibson nicht genannte Zahl von bisherigen Kreditgebern hat dem Unternehmen 135 Millionen Dollar an frischem Geld geliehen, um die Umstrukturierung durchzuführen.

Mit diesem Kapital im Rücken hat die Firma beim Gericht beantragt, in der Schutzphase weiterhin Waren herzustellen, Garantieansprüche zu bedienen und den Vertrieb weiterlaufen zu lassen. Für Gitarristen ändert sich also vorerst nichts: Les Paul, Explorer und alle anderen Schätzchen wird es weiterhin geben, und wer sich einen Nobelast im Custom Shop bestellt hat, wird diesen wohl auch noch erhalten - sofern die Lieferung bis zum Herbst 2018 bestätigt war, falls Gibson bis dahin oder nach einer Verlängerung der Frist nicht gerettet wird.

Wichtig ist, was in der Zeit bis dahin passiert. Üblicherweise suchen Unternehmen unter Chapter 11 einen Käufer für besonders wertvolle Firmensparten oder solche, die nicht zur Kernkompetenz passen. Von US-Beobachtern werden hier besonders oft die auf Endverbraucher ausgerichteten Audiosparten von Philips und Onkyo genannt. Erstere hatte Gibson 2014 für den damals schon als hoch eingeschätzten Betrag von 135 Millionen Dollar übernommen, um sich vom Instrumentenhersteller zu einer, so wörtlich, "Lifestyle Brand" zu entwickeln.

Das dürfte aber nicht die einzige Maßnahme sein. Aus den Gerichtsunterlagen geht hervor, dass sich Gibson vor allem deswegen unter Chapter 11 gestellt hat, um das Kerngeschäft mit den Instrumenten zu retten. Darauf hatten vor allem die Finanzunternehmen Silver Point Capital, Melody Capital Partners sowie mehreren Fonds unter der Kontrolle von KKR Credit Advisors gedrängt. Letzteres Unternehmen ist auch ein Investor der Spielzeugkette Toys R Us, die sich 2017 dem Gläubigerschutz unterwarf.

Gibson ist damit also in der Hand von Banken und anderen Investoren. Berichten der US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg und der lokalen Tagezeitung Tennessean zufolge wollen die Kreditgeber die Marke wieder auf ihr Kerngeschäft ausrichten, also die Musikinstrumente. Die Situation unterscheidet sich aber drastisch von der letzten Pleite von Gibson: 1986 hatte Henry Juszkiewicz die Firma für nur 5 Millionen Dollar zusammen mit zwei Partnern übernommen, die Firma blieb seitdem im Privatbesitz.

Inzwischen schuldet sie großen Finanzunternehmen dreistellige Millionenbeträge. Seit der Übernahme, also mehr als 30 Jahre, ist Juszkiewicz CEO des Unternehmens, ob er das bleiben kann, ist fraglich. Im Chapter-11-Antrag ist bereits ein goldener Fallschirm für ihn vorgesehen: Ein Jahr lang soll er Berater für Gibson bleiben. Bloomberg zufolge hatten die Investoren schon länger zur Bedingung gemacht, dass Juszkiewicz geht, wenn sie Gibson weiter stützen sollen.

Text & Foto: Nico Ernst