Gitarre lernen: Teil 2 - Die Kunst zu üben

Wenn ihr Gitarre lernen wollt, ist Üben das A und O. Hier sind die wichtigsten Tipps für alle Anfänger und Wiedereinsteiger.

Üben – das ist ein Wort, das höchstens bei masochistisch veranlagten Menschen spontane Begeisterung hervorruft. Dabei, und das ist kein Sozialpädagogen-Gewäsch, kann Üben tatsächlich Spaß machen. Ich behaupte sogar:

Üben sollte Spaß machen!

Aber wie? Nun: Erst einmal solltest du genau so üben, wie es deiner Persönlichkeit entspricht. Als disziplinierter, ordnungsliebender Mensch könntest du beispielsweise gut damit beraten sein, einen Übungsplan zu erstellen. 5 Minuten Technik, 2 Minuten Pause, 5 Minuten Timing-Übungen, wieder Pause… Gehörst du aber der zweiten Kategorie Mensch an, die eher ziel- und planlos durchs Leben stolpert (wozu sich auch der Autor dieser Zeilen zählt), bringt so ein Plan recht wenig. Ganz ehrlich: Selbst wenn er da wäre, man würde ihn doch sowieso nicht einhalten. In diesem Fall übst du einfach, wie es dir in den Kram passt. Wichtig ist nur, dass das regelmäßig passiert – am besten täglich.

Ein paar Grundprinzipien gelten aber für alle, die sich schon auf der Bühne sehen:

1. Täglich eine halbe Stunde zu üben ist effektiver als einmal die Woche sechs Stunden am Stück. 

2. Sobald du erste Kenntnisse und Grundfertigkeiten hast, solltest du die Hälfte deiner Übungszeit mit Dingen zubringen, die du bereits kannst und die dir Spaß machen, die andere Hälfte mit Dingen, die du noch nicht kannst. Ruhe dich nicht auf deinen Lorbeeren aus, aber kasteie dich auch nicht selbst – sonst geht deine Motivation innerhalb kürzester Zeit flöten.

3. Wenn du etwas Neues lernst, bedenke, dass dein Gehirn eine Aufmerksamkeitsspanne von nur wenigen Minuten hat. Es bringt nichts, stundenlang neue Tonleitern zu lernen. Lerne lieber wenig auf einmal und übe es dafür besser. Niemand wird sich an einem Tag die komplette Musiktheorie in den Kopf prügeln können – selbst wenn er das wollte.

4. Das Metronom, auch Click genannt, ist dein Freund und Helfer. Im Allgemeinen ist es ein Gerät oder ein Programm, das mit nervtötenden Pieptönen den Takt vorgibt. Es hilft dir, gutes Timing zu entwickeln (mehr dazu später) und kann dir unmittelbare Rückmeldung geben, ob du schon besser geworden bist. Etwa wenn du dir eine Übung vornimmst, jeden Tag die Geschwindigkeit ein bisschen raufschraubst und zusiehst, ob du noch mit dem Click mithalten kannst.

5. Versuche, auch beim Üben Musik zu machen. Versuche, jeden Ton so zu spielen, als würde er etwas bedeuten – sei es bei einer Fingerübung, sei es, wenn du eine neue Tonleiter lernen willst. Egal wie unmusikalisch die Übung an sich ist – lege soviel Herzblut wie möglich in das, was du spielst.

Ich geb‘s zu, die Eingangsfrage habe ich damit nicht beantwortet: Wie zur Hölle kann Üben jetzt auch noch Spaß machen? Ganz einfach:

Wenn du genau das übst, was nötig ist, um die Musik in deinem Kopf umzusetzen.

Deine Ansprüche an dein eigenes Spiel werden stetig wachsen. Du stellst dir vor, etwas Bestimmtes spielen zu können, sei es am Anfang die Begleitung von „Knockin’ on Heaven’s Door“ oder in ein paar Jahren das Killer-Solo einer Yngwie-Malmsteen-Nummer. Für beides sind bestimmte Techniken und Kniffe nötig. Und wenn du die nicht kannst, übst du sie eben, bis sie sitzen.

Frust kommt nur auf, wenn du dir deine Ziele zu hoch steckst. Natürlich wirst du übermorgen noch nicht wie ein Blitz über das Griffbrett rasen. Schaffe dir nach und nach die Grundlagen drauf und fordere dich jeden Tag heraus, ein bisschen über dein momentanes Level hinaus zu gehen.

Wichtig ist allerdings, dass dein Üben nicht zum Selbstzweck verkommt, etwa nach dem Motto: „Als guter Gitarrist muss man einfach rasend schnell spielen können, deshalb setze ich mich jetzt die nächsten zehn Stunden in den Keller und spiele mich bei Wasser und Brot durch komplett unmusikalische Fingerübungen!“ Wenn du nach dieser Devise übst, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass dein Gitarrenspiel später einmal genau so verbiestert klingen wird ...

Ganz wichtig: Solltest du merken, dass du Schmerzen in der Hand bekommst, hör sofort auf zu üben und mach dir einen schönen Tag! Sonst droht eine Sehnenscheidenentzündung, und die kann im schlimmsten Fall zu einigen Monaten ungeplanter Auszeit führen. Trotz Schmerzen weiter zu üben, zeugt nur von falschem Ehrgeiz.

So, jetzt aber genug mit der Moralpredigt – ran an die E-Gitarre!

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Text: Michael Wagner