Interview: Benny Young von Helene Fischer

 Wir trauen uns, als Gitarrenmagazin auch ungewöhnliche Wege zu gehen und trafen Benny Young. Er ist einer von zwei Gitarristen, die neben 12 Tänzern auf der Bühne von Schlagerstar Helene Fischer stehen.

 Helene Fischer gehört zu Europas erfolgreichsten Popkünstlern. Zuletzt war sie mit 33 Trucks in 13 Städten unterwegs - an ihrer Seite: Gitarrist Benny Fischer

Wo liegen live die größten Unterschiede zwischen einer Helene-Fischer-Produktion und einer typischen Rockband? 

Benny Young: Abseits der Musik macht vor allem die Größe der Produktion den Unterschied. Als Musiker, der gerade dem Proberaum entwachsen ist, bucht man seine Konzerte selbst, schleppt sein Equipment, sorgt für die Anfahrt und Übernachtung. Das ist hier anders: Man kann sich als Musiker voll und ganz auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren. Wir haben zudem pro Woche fünf Konzerte, einen Off-Day und einen Reisetag in die nächste Stadt – eine sehr ungewöhnliche Tour, anders als bei den meisten Rockbands.Als Rockmusiker reagiert man ja oft auf Zuruf und gestaltet etwa sein Solo an einem Abend etwas länger. Das ist hier nicht möglich – die Show ist bis hin zum Licht an einen Timecode angelegt. Neben der Musik arbeiten dafür mehrere Gewerke eng verzahnt zusammen: Licht, Video und Tanz, teils schon Monate im Voraus. Alles kommt dann in den sogenannten Produktionsproben zusammen.  

Wie darf man sich den Weg eines Titels auf die Bühne vorstellen?

Die musikalische Leitung liegt bei Christoph Papendieck. Ein Markenzeichen von Helene Fischer ist, dass die Livesongs keine Reproduktion der Album-Arrangements darstellen. So bot unsere Stadiontour 2015 recht rockige und teils funkige Arrangements. Die aktuelle Produktion ist elektronisch orientiert, was an der Ausrichtung des neuen Albums liegt. Dazu wurden etliche Remixes älterer Titel erstellt, die wir live übernommen haben. Einen höheren Stellenwert haben die Gitarren bei den Country-Nummern vom neuen Album, darunter „Dein Blick“, eine deutsche Fassung des bekannten Titels „Telescope“ aus der TV-Serie Nashville. Zu den gitarristischen Highlights gehört ein ausgearbeitetes Gitarrensolo. Hierzu haben übrigens zwei Tänzer eine Choreografie einstudiert.



Mit welchem Equipment stehst du auf der Bühne? 

Ich nutze einen Kemper Profiler mit einer kleinen Box auf der Bühne, während mein Kollege Jörn Heilbut einen Line 6 Helix verwendet. Ergänzend setze ich zwei Eventide H9 im Loop ein sowie drei Expression-Pedale, von denen eines die Hauptlautstärke und das zweite die Lautstärke der Box steuert. Das dritte Pedal kontrolliert wechselnde Effekte wie ein Whammy oder elektronische Filtersounds. 

Klanglich bin ich von den M-Britt-Profilen überzeugt. Für die unverzerrten Klänge benutze ich ein Profil des Fender Deluxe, für die Rhythmusarbeit ein JTM-45-Profil, das nicht sehr verzerrt ist, dafür aber hervorragend auf die Spieldynamik reagiert. Dazu habe ich noch Effektsounds und Soloklänge, bei denen ich zwischen Plexi und Soldano hin und her wechsle.

Welche Gitarren benutzt du?

Für Strummings spiele ich eine Sigma Double-O [OMR 28] und für Fingerstyle-Techniken eine neue Sigma JM-SG 45, etwa bei den Country-Nummern und einer Ballade. An elektrischen Gitarren habe ich eine Fender Stratocaster und eine Mexico-Telecaster mit Kloppmann-Pickups. Für rockige Titel nutze ich eine Nik Huber Krautster, die ursprünglich mal für Dave Grohl gedacht war. Mein Gitarrensolo spiele ich mit einer Duesenberg Fullertone TV. Und schließlich habe ich auch eine Ortega mit Nylonsaiten. Gespielt wird bei uns in Normalstimmung und in Drop-D bei den Country-Nummern. Selten benutze ich Drop-Cis zum Doppeln von Basslinien.

Wie wärmst du dich heute Abend auf?

Vor dem Showstart läuft ein langes Intro, da mache ich mich warm und spiele ein paar Variationen meines Gitarrensolos. Ansonsten werde ich während der Show warm, weil ich viel Rhythmus spiele. Für eine Vivaldi-Interpretation bei der Stadiontour war das anders, da habe ich mich intensiv auf der Akustikgitarre aufgewärmt. Das war richtig schwer, und du willst es vor dem großen Publikum und wirklich legendären Musikern wie Gary Wallis [Pink Floyd, Tom Jones, Mike & The Mechanics] natürlich nicht vergeigen. Ich hab’ mich da zugegebenermaßen auch bei den ersten Malen verspielt. Der Druck ist hoch, und es hilft eigentlich nur, dich lockerzumachen.

Wo hast du dein Handwerk gelernt?

Ich habe erst drei Jahre autodidaktisch gelernt und dann ein, zwei Jahre Unterricht bei Marcus Deml genommen. Ergänzend habe ich noch an der Mannheimer Popakademie studiert, leider nicht bis zum Abschluss. Etwas Klavierspielen und Notenlesen kann ich auch, denke aber auf der Gitarre eher in Intervallen. Früher wollte ich lange der beste Gitarrist werden und bin auf Joe Satriani oder Richie Kotzen abgefahren. Die Shows mit Helene Fischer sind zweifelsfrei ganz fantastisch, aber in dieser Hinsicht doch eine etwas andere Welt.

Kannst du uns noch etwas zu deinen eigenen Projekten sagen?

Bis vor zwei Jahren hatte ich mit Crutch ein schönes Rock-Projekt mit amerikanischer Sängerin [www.facebook.com/crutchmusic]. Das lief gut an, aber leider gibt es die Band inzwischen nicht mehr. Ich warte auf die Wiederkehr der Gitarre – echter und dreckiger geht es nun mal nicht. Ich habe hier mit Helene Fischer einen absoluten Superjob, der vermutlich zumindest in Europa derzeit einzigartig ist. Dazu habe ich dieses Jahr ein Country-Album für den Autor Enrico Brell fertiggestellt [www.andreas-enrico-brell.com] sowie ein Pop-orientiertes Album mit der Geigerin Michaela Danner [www.michaeladanner.de]. Und natürlich möchte ich auch weiterhin selbst komponieren, produzieren und wieder eine eigene Band aufbauen, deutschsprachig oder englisch und auch gerne mit politisch standhafter eigener Meinung. Ich bin auf der Suche nach einem guten Sänger. Wer sich bei mir melden möchte, kann das unter iambennyyoung@gmail.com tun.

 

Text: Ulf Kaiser
Fotos: Andrea Roth, Benny Young

 

Hier könnt ihr euch das Equipment von Benny anschauen:

Benny live auf der Bühne zusammen mit Helene

Benny live auf der Bühne zusammen mit Helene (c) Andrea Roth