Interview: Triggerfinger – Doppelt hält besser

Von verstärktem Bass-Einsatz abgesehen, gehen die Belgier Triggerfinger auf dem von Mitchell Froom (Elvis Costello, Los Lobos) produzierten Colossus ziemlich neue Wege, wie uns Sänger, Gitarrist und - nunmehr auch Bassist - Ruben Block verrät.

Ruben, Colossus klingt vertraut und ungewöhnlich zugleich. Inwieweit habt ihr für euer fünftes Album bereits im Vorfeld einen anderen Ansatz gewählt?

Wir wollten unseren Horizont erweitern und ein paar neue Türen öffnen. Insofern haben wir viel experimentiert. Die Demos, die wir für vorherige Aufnahmen gemacht haben, hatten immer einen eigenen, interessanten Vibe. Aber die Aufnahmequalität war zuvor nie so gut, als dass man hätte mehr damit machen können. Diesmal haben wir schon bei der Vorproduktion mit coolem Equipment gearbeitet: Einige richtig gute Mikrofone und ein kleines Neve-Pult mit schönen Pre-Amps waren im Spiel. So haben wir große Teile der Demo-Aufnahmen für das Album weiterverwenden können.

Schon der Titeltrack und Opener wartet mit einer Überraschung auf: Auf „Colossus“ finden sich - anstatt einer Gitarre - gleich zwei Bässe ...

Beim Schreibprozess bahnte sich bereits an, dass wir uns diesmal von der E-Gitarre etwas distanzieren würden. Wenn du mit deinem Instrument sehr vertraut bist, schleicht sich eine gewisse Routine ein. Selbst beim Songwriting fällt man oft in gewohnte Muster zurück. Als Gitarrist hat man einen eigenen Stil und eine eigene Spielweise. Wenn man sich dann aber ans Keyboard setzt oder sogar einen Bass in die Hand nimmt, kommt man plötzlich auf ganz andere Sachen. Das ist genau das, was bei diesem Album passiert ist.

Ein Ansatz, der unweigerlich an das britische Duo Royal Blood denken lässt, deren Bass/Schlagzeug-Konstellation sehr erfolgreich ist. War das eine Inspiration?

Die haben nur einen Bass - wir haben zwei [lacht]! Nein, tolle Band. Aber wir hatten sie sicher nicht im Hinterkopf, als wir unser neues Material angingen. „Colossus“ war der erste Song, auf dem wir diesen Zwei-Bässe-Ansatz ausprobiert haben. Ich hatte dieses Bass-Riff, welches ich anfangs noch mit einer Gitarre gedoppelt habe. Dann aber dachte ich, dass es mit zwei Bässen noch cooler käme – eben noch kolossaler. Daher auch der Albumtitel. Daraufhin habe ich das Bass-Spiel auch auf anderen Songs probiert. Bei manchen funktionierte es super, bei anderen nicht.

Auf welchen Stücken hast du diesmal Bass anstelle von Gitarre gespielt?

Auf vier Songs: „Colossus“, „Candy Killer“, „Upstairs Box“ und „That’ll Be The Day“. Im Zusammenspiel mit Paul (Van Bruystegem, Triggerfinger-Bassist, Anm. d. A.) bewege ich meist eine Lage höher als er, sodass wir nicht im selben Register liegen. Wenn wir es mal tun, dann absichtlich, damit es noch wuchtiger klingt. Diese Herangehensweise hat für mich viel verändert, denn auf dem Bass habe ich weniger Akkorde gespielt, sondern mich eher auf Melodielinien konzentriert.

„Upstairs Box“ hat ein simples, aber effektives Riff. Wie hast du diesen Sound erzeugt?

Ich spiele darauf den Bass in Kombination mit einem speziellen Fuzz-Pedal von Dr. No. Wir bringen bald zusammen ein eigenes Colossus-Pedal raus und das ist der Prototyp, den ihr da hören könnt. Ich habe es auf der Platte oft eingesetzt. Es passt gut zur Gitarre, klingt aber auch mit einem Bass richtig fett.

Was für Bässe hast du gespielt?

Zuhause habe ich die meisten Bass-Parts auf einem alten Fender-Mustang-Short-Scale-Bass gespielt. Manchmal habe ich mir auch den Fender-Precision-Bass von Paul geschnappt und darauf Sachen probiert. Aber hauptsächlich war es der Mustang. Und den habe ich meist einfach in meinen Gitarren-Amp eingestöpselt.

Der Song „Afterglow“ erinnert an diese psychedelischen Folk-Rock-Sachen, die David Bowie 1969 auf seinem zweiten Album und einem Song wie „Space Oddity“ gemacht hat. Insbesondere das Solo ist sehr cool, da klingt deine Gitarre wie ein Saxophon ...

Wir hatten für das Album ja auch einen Saxofonisten an der Hand, aber es musste an dieser Stelle unbedingt ein Gitarrensolo sein. Der Mix ist fantastisch und bringt es zusätzlich nach vorne. Als Gitarre kam hier eine Gretsch 6106 Princess zum Einsatz. Das ist eigentlich eine Gretsch Corvette, die damals als alternatives Model für eine weibliche Zielgruppe entworfen wurde. In meiner Princess ist nur ein Pickup verbaut, ein TV Jones Super Tron. Ich habe die Gitarre über Pauls Bass-Amp, einen Ampeg Heritage B-15, gespielt. Mitchell hat noch ein paar Keyboards addiert. Beim Solo erweitert sich die Klangbühne dann, es klingt, als würde man plötzlich ein Fenster aufmachen. Die Dr. No-Prototyp-Tretmiene habe ich hier ebenfalls verwendet.

Auch wenn es diesmal wohl weniger waren als sonst – welche Gitarren aus deiner Sammlung kamen auf „Colossus“ zum Einsatz?

Neben besagter Princess natürlich meine kirschrote 1964er Gretsch 6120 Anniversary. Ich nehme sie zu jeder Aufnahme-Session mit. Eine 56er Les Paul Special war auch dabei. Meine 60s Jazzmaster habe ich auch ins Studio geschleppt. Die hatte ich für die Demos viel verwendet. Was witzig ist, denn zuvor hatte ich sie bestimmt zehn Jahre nicht mehr in der Hand gehabt. Das war eine echte Wiederentdeckung für mich. Des Weiteren habe ich auch eine Gibson ES-295 gespielt. Das ist im Grunde genommen eine ES-175, aber in golden. Eine sehr coole Hollowbody-Gitarre aus den Fünfzigern. Auf Verstärker-Ebene wurde benutzt, was Mitchell im Studio stehen hatte: Ein White-Amp zum Beispiel. Das ist ein Verstärker, der von Fender ab Mitte der Fünfziger unter anderem Namen produziert wurde, nahezu baugleich mit dem Fender Princeton. Das ganze Kiko-Album von Los Lobos wurde mit diesem kleinen Teil eingespielt. Dazu kam noch ein Fender 65 Deluxe Reverb, ein Gibson Tweed Amp und ein Supro Thunderbolt. Manchmal habe ich aber auch einfach nur in den Bass-Verstärker eingestöpselt. Was auch immer cool klang, war erlaubt.

Ihr geht im Oktober auf Tour. Heißt das für dich, dass du neben deinen Gitarren-Cases nun auch noch ein etliche zusätzliche Bass-Koffer mit dir rumschleppen wirst?

Wir wollen live natürlich auch die Sachen vom neuen Album spielen. Mal sehen, wie sich das alles umsetzen lässt. Auf jeden Fall ist das Ganze für mich jetzt schon eines: Eine schöne Entschuldigung, mir ein paar Bässe zuzulegen. Damit habe ich sogar schon angefangen [lacht].

Text: Frank Thiessies