Judas Priest: Backline

Wir haben Judas Priest hinter die Bühne begleitet - während ihrer Firepower-Tour durch Deutschland. Ian Hill und Richie Faulkner zeigen uns ihre Gear-Ausrüstung.

Mit ihrem Album Firepower lieferten Judas Priest in diesem Jahr nicht nur ihre beste Chartplatzierung, sondern auch eine ihrer erfolgreichsten Touren durch Deutschland ab. guitar besuchte die Saitenfraktion Richie Faulkner und Gründungsmitglied Ian Hill vor ihrer Show in München - und erfuhren dabei einige Gear-Geheimnisse.

Richie, ihr spielt auf der Firepower Tour mit Judas Priest auf den unterschiedlichsten Bühnen – von ausverkauften Arenen bis zu prestigeträchtigen Festivals wie dem Wacken Open Air. Gibt es für die In- und Outdoor-Konzerte unterschiedliche Rigs? 

 Richie Faulkner: 
Meine Backline ist überall gleich. Sie wird vom Signal nur der jeweiligen PA angepasst. Wenn du auf dem Wacken Open Air vor 85.000 Leuten auftrittst, arbeitest du natürlich mit einem komplett anderen Schalldruck, damit du auch wirklich jeden Fan erreichst. Das Rig würde beispielsweise auch in einem winzigen Club ohne Anlage funktionieren und exakt denselben Sound erzeugen. Dieser kommt schließlich aus meinen Gitarren und den Verstärkertopteilen. 





Warum hast du ein Boss DD-7 Digital Delay vor den Amp und nicht in den Loop gepackt?

Richie: Es gibt beispielsweise eine Passage in „Saints in Hell“ die damit super klingt. Normalerweise wird ein Delay an dieser Stelle der Effektkette total matschig. Mit dem richtigen Fingerspitzengefühl bei der Einstellung funktioniert es aber so, und ich verwende es bei vielen Songs in unserer Setlist, die ihren Ursprung in den ’70ern haben. Es klingt zwar etwas komisch, aber dieses relativ neue und digitale Pedal bringt so den Vibe der alten Aufnahme perfekt rüber. 

Für eine Tour dieser Größenordnung bist du mit einem sehr bodenständigen Arsenal unterwegs. Mit einem Blick auf eure karriere-umfassende Setlist überrascht das etwas.

Richie: Priest waren schon immer eine Band, die in den meisten Fällen den puren Weg von einer Gitarre in einen Verstärker bevorzugte. Klar finden sich hier und da ein paar Pedale im Signalweg, aber das ist alles sehr überschaubar. In der Bandgeschichte gab es nur in den ’80ern auf ein paar Konzertreisen ein Aufgebot an Effektprozessoren, das damals state of the art war. Als ich zu Judas Priest stieß, brachte ich meine straighte Backline mit und so etwas Simplizität in den Kreativprozess wie auf die Bühne. Mir war es schon immer wichtig, dass alles einfach funktioniert und die Schlüsselelemente wie Gitarren, der Verstärker mit seinen Röhren und die Boxen mit den passenden Lautsprechern auch ohne Schnickschnack zusammen super klingen. Das macht die Arbeit meines Gitarrentechnikers natürlich um Welten einfacher. Er ist zudem ein Typ, auf den ich mich zu 100 Prozent verlassen kann. Sollte trotzdem mal was schiefgehen, hat er es sofort im Griff. So kann ich auf der Bühne für die Fans 1.000 Prozent geben, und darauf kommt es schließlich an!

Der Gitarrensound von „Turbo Lover“ wurde ja bekanntlich mit Gitarrensynthesizern erzeugt – wie „emulierst“ du ihn mit deinem sehr überschaubaren Pedalboard?

Richie: Das ist in der Tat eine interessante Sache! Das Original ist, wie du schon sagst, von Synthesizern geprägt. Seit ich in der Band bin, spielen wir eine aufs Wesentliche reduzierte Version des Songs. Die Charakteristik, die die Studioaufnahme ausmachte, erzeuge ich mit einem Chorus- in Kombination mit einem Delay-Pedal. Mir kommt es immer so vor, als ob das Stück so moderner klingt und der pure Rhythmus besser zur Geltung kommt. Da ich über das komplette Set ein und denselben Grundsound verwende, schweiße ich die Tracks – egal, aus welchem Jahrzehnt sie stammen – zu einer Einheit zusammen ... das ist die Magie der Einfachheit!

Ian, du bist eines der Gründungsmitglieder von Judas Priest und hast jede Tour in den knapp fünf Dekaden eurer Historie mitge-spielt. Vergleiche mal eure Anfangstage mit dem Hier und Jetzt. 

Ian Hill: Es ist alles viel, viel einfacher geworden! [lacht] Als wir das erste Mal bei euch in Deutschland waren, mussten wir uns zum Schlafen gemeinsam in unseren alten Van zwängen! Das ging zu Beginn der Priest’schen Karriere ganze fünf Jahre so und machte trotzdem unglaublichen Spaß! Was ist für dich der wichtigste Aspekt im Setup deiner Bässe, wenn du live spielst? Ian: Ich habe eigentlich immer Viersaiter gespielt – für manche Songs braucht es aber einen Fünfsaiter ... hier kommt meine Basstechniker Sticks ins Spiel, der es schafft, dass ich die Saite mehr nicht brauche.

Abschließend noch die wahrscheinlich schwierigste Frage in Sachen Touring überhaupt: Wie stellt ihr eure Setlist zusammen?

Ian: Das ist jedes Mal aufs Neue ein wunderschöner Albtraum! [lacht] Man hat ja nur eine gewissen Spielraum während der Länge eines Konzerts, und wenn man dazu noch ein neues Album am Start hat, muss man für die dazukommenden Songs zwangsläufig welche aus dem Set kicken. Dazu kommt noch, dass es uns zu langweilig wäre, immer mit denselben Stücken auf Tour zu gehen, weswegen wir gerne lange nicht gespielte Perlen einbauen. Dazu vari-ieren wir inzwischen auch zwischen den einzelnen Legs, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Seit März sind vier Lieder ausgetauscht worden, und ich weiß jetzt schon, dass wir das nochmal für unsere anstehende US-Etappe machen werden. [grinst verschmitzt]

Fotos & Text: Chris Franzkowiak

Nicht viel, dafür ausgesucht: Richie Faulkners Pedalsortiment

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