Literaturnobelpreis für Bob Dylan: Der Preis kommt nach Hause

Mit Bob Dylan hat das Nobel-Komitee 2016 einen würdigen Preisträger gefunden - nicht obwohl, sondern gerade weil es sich um einen Musiker handelt.

Im hehren Kreis der Literatur-Nobelpreisträger gab es bislang kaum einen Autor, der sein literarisches Genre auf so entscheidende Weise geprägt hat wie Bob Dylan die Songlyrik. Aber was genau macht eigentlich einen „großen Autor“ aus? Sein Bekanntheitsgrad? Die Verbreitung seiner Werke? Nicht ganz, denn Publikumswirksamkeit und Popularität allein sind bloß rein äußerliche Merkmale der sogenannten Pop-Kultur und längst keine hinreichenden Kriterien für poetische Qualität.

Dylans Wirkung liegt dagegen nicht in seinem eigenen künstlerischen und kommerziellen Erfolg, sondern vielmehr in seinem Beitrag zu den Werken zahlloser Künstler nach ihm. In der Laudatio zu Dylans Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame hat Bruce Springsteen dies wie folgt ausgedrückt: „Ohne Bob hätten die Beatles Sgt. Pepper nicht gemacht, vielleicht hätten die Beach Boys Pet Sounds nicht gemacht, die Sex Pistols nicht ,God Save the Queen‘, U2 nicht ,Pride (in the Name of Love)‘, Marvin Gaye nicht ,What’s Going On‘, Grandmaster Flash wohl nicht ,The Message‘, und The Count Five hätten ,Psychotic Reaction‘ nicht machen können.

Und es hätte niemals eine Band namens The Electric Prunes gegeben, so viel steht fest!“ (1) Dylan mal anders: Die offizielle Pressezeichnung des Nobelpreis-Komitees. Für einen solchen Überautor verwendet die Literaturtheorie den Begriff „Diskursbegründer“ – einen, der nicht nur seine eigenen Werke geschaffen, sondern darüber hinaus überhaupt erst den Möglichkeitsraum für die Werke anderer Autoren eröffnet hat.

Der Nobelpreis für diese Leistung Dylans hat nun allerdings mit der „Ankunft des Pop in der Hochkultur“ und ähnlich lautendem Geschwafel halbgebildeter Kulturjournalisten nicht das Geringste zu tun. Niemand eignet sich weniger dafür, zum Repräsentanten der Popkultur hochstilisiert zu werden als Dylan, der sich immer wieder beharrlich geweigert hat, sich von irgendeiner Gruppierung vereinnahmen zu lassen.

Ebenso wenig kann das Nobelkomitee als elitärer Hochsicherheitstrakt der „Hochkultur“ angesehen werden. Man erinnere sich beispielsweise an John Steinbeck und seine Nobelpreisrede von 1962, in der er mit klarer Kante zu verstehen gab: „Die Literatur wurde nicht von einer blassen und kastrierten Kritiker-Priesterschaft bekannt gemacht, die in leeren Kirchen ihre Litaneien singt.

Und sie ist auch kein Spiel für die abgeschlossenen Auserwählten, diese angeberischen Bettelmönche der kalorienarmen Verzweiflung!“ *(2) Literatur kann eben auch noch etwas anderes und viel Spannenderes sein, als man es von blutarmen Deutschlehrern im Schulunterricht als „Bildungsgut“ verkauft bekommt oder was dem elitären Bildungsbürgertum in spätabendlichen Unterhaltungssendungen von kastrierten Kulturredakteuren serviert wird.

Und gegenüber dem, was Bob Dylan über Jahrzehnte an inno-vativer und authentischer Lyrik geschaffen hat, sind weite Teile der sogenannten Popkultur nicht viel mehr als „kalorienarme Verzweiflung“. Der Schlüssel zum Verständnis Dylans ist daher auch nicht im Begriffsgeschwurbel trendverliebter Pop-Theoretiker zu finden, sondern viel eher in einem Buch des viel zitierten Herrn Nietzsche mit dem sprechenden Titel Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik von 1872:

„Nehmen wir jetzt das wichtigste Phänomen der ganzen antiken Lyrik hinzu, die Identität des Lyrikers mit dem Musiker – der gegenüber unsre neuere Lyrik wie ein Götterbild ohne Kopf erscheint!“ Die Vergabe des Literaturnobelpreises an einen, der der Lyrik ihren musikalischen Kopf wieder aufgesetzt hat, mag für die Pop-News also eine brandaktuelle Sensation sein. Für uns Musiker bedeutet es eigentlich nur: „Bringing it all back home!“

Text: Adrian Schüller