Nachruf: Malcolm Young – the Godfather of Groove

Bei der Weihnachtsparty 2017 im Rockerhimmel möchte man fast dabei sein: Die Reunion von Bon Scott und Malcolm Young lässt sicher allen das Manna aus dem Mund fallen. Wir bleiben aber doch lieber daheim, um dort den Mann zu würdigen, der das Rockriff richtig hart gemacht hat und noch heute Coverbands verzweifeln lässt.

Je erwartbarer ein Ereignis ist, umso härter kann es einen beim Eintreten dann doch treffen: Am 18. November 2017 starb Malcolm Young mit nur 64 Jahren friedlich, umgeben von seiner Familie, im australischen Elisabeth Bay. Das war absehbar, denn mindestens seit 2014 litt der Ausnahmemusiker an Demenz. Über 40 Jahre im Rockgeschäft, Kettenrauchen und Alkoholismus mögen dazu beigetragen haben - aber das hier ist guitar, und kein medizinisches Fachblatt, also lassen wir das.

Im Raubbau an der eigenen Gesundheit mag der ältere der beiden Young-Brüder, die AC/DC 1973 gründeten, kein Vorbild gewesen sein. Als Gitarrist, Songwriter, Bandchef und Produzent aber wird der 1953 geborene Malcolm Mitchell Young unerreicht bleiben. Niemand hat aus so wenig Equipment und Noten so viel Musik erschaffen und tritt damit noch heute in jeder Dorfdisco auch rockfernen Menschen gründlich in den Arsch.

Warum das so ist, muss man sehen, und auch als Gitarrist nicht nur hören. Bis zuletzt, nämlich in dem Konzertfilm "Live at River Plate" (2013) steht der schon sichtlich angegriffene Young stoisch neben dem Schlagzeug, klopft locker mit der Ferse den Takt - und spielt dann doch irgendwie völlig daneben. Nämlich immer vor dem Beat, und das so exakt und treibend, dass dieser magische Groove entsteht, dem man sich nicht entziehen kann.

Dafür ist auch die bis auf´s Hi-Hat nicht ganz gerade agierende Rhythmusabteilung von AC/DC verantwortlich, zusammen hält die Taktverschiebung aber vor allem Malcolms Spiel. Man kann das mühsam lernen, oder muss schlicht das Talent dafür haben. Und von letzterem hatte Malcolm jede Menge.

Entwickelt hat Young diesen Groove und den dazu passenden Sound mit dem, was er Anfang der 1970er zur Verfügung hatte: Eine Gretsch Jet Firebird von 1963, ein Kabel, ein Marshall Plexi. Das reicht für oberamtliche Rockmusik, und zwar auch im 21. Jahrhundert noch. Man muss nur richtig spielen können, und im Falle Malcolms ein bisschen basteln:
Pickups, die man dafür nicht braucht - also alles oberhalb des Stegtonabnehmers - kommen raus, dafür werden zeitweise Socken in die Löcher gestopft, und dicke Saiten (12-56) aufgezogen. Einzige Extravaganz dieser und folgender Gretschs oder Gibsons war gelegentlich ein anderes Tailpiece. Und am Amp wäre High Gain völlig falsch, denn für Youngs Sound ist die Anschlagdynamik essenziell. Und die entfaltet sich durch seine knüppelharten Hiebe auf die fetten Seilen, nicht durch schmelzende Röhren.

Technik ist das eine, Seele braucht man als eine der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten aber noch viel mehr. Und die steckte bei AC/DC vor allem in Malcolm Young. Er überredete seinen jüngeren Bruder Angus zur Gründung der Band, nachdem George, ein weiterer der insgesamt acht Young-Brüder, mit der Band "Easybeats" schon äußerst erfolgreich war. George Young, der nur vier Wochen vor Malcolm starb, gilt als lebenslanger Mentor von Malcolm.


Anders als die leichte Popmusik der 1960er und 70er wollte Malcolm einen frischen Sound erfinden, härter und schnörkellos. Der Heavy Metal steckte noch in den Kinderschuhen, und die Basis von allem, der Blues, kam der Rockmusik immer weiter abhanden. Malcolm Young änderte das, und rettete das Bluesschema in die Moderne - "The Jack" dokumentiert das am Schönsten, und wie man das weiterentwickeln kann "Hell Ain´t a Bad Place to be". Wer welche Teile der Songs geschrieben hat, lässt sich nicht klar nachvollziehen. Die meisten Credits auf den frühen Alben lauten nur "Young-Young-Scott", die beiden Brüder teilten sich das Komponieren stets.

Vom schon 1980 verstorbenen Bon Scott kamen aber dem Produzenten Mutt Lange und Angus Young zufolge nicht nur Texte, sondern auch musikalische Teile. Dennoch erklärte Angus in den letzten Jahren, dass er selbst beim aktuellen Album "Rock or Bust" auf Malcolms Riffs zurückgriff. Sein Bruder konnte an den Aufnahmen schon nicht mehr mitwirken. Weil AC/DC schon immer ein Familiengeschäft waren, ersetzt Malcolms Neffe Stevie Young Malcolm seitdem im Studio und auf der Bühne. Über den privaten Menschen Malcom Young ist ungefähr so viel bekannt, wie über seine modischen Vorlieben. Da die aus Jeans und T-Shirt bestanden, dürfte auch der Rest des Lifestyles so unprätentiös gewesen sein, wie seine Musik.

Wilde Parties und Society-Skandale waren nicht Sache des Rockers. Wichtig war ihm, auch neben der eigenen Familie mit Ehefrau, drei Kindern und drei Enkeln, stets die Band. Malcolm ist es auch zu verdanken, dass AC/DC nach dem Tod Bon Scotts nicht auseinanderbrachen, sondern sofort "Back in Black" aufnahmen - mit über 50 Millionen Einheiten eines der weltweit meistverkauften Alben, quer durch alle Genres. Sicher nicht nur deswegen schloss Angus Young seine Stellungnahme zum Tod des Bruders wie folgt ab:
"Malcolm, job well done." Das mag so trocken wie die Riffs der Band klingen - aber es wird genau deswegen dem Paten des Grooves voll gerecht.

Foto: C. Taylor Crothers/Sony
Text: Nico Ernst