Test: Engl Marty Friedman Inferno

Als vierter Gitarrist bekommt Marty Friedman ein eigenen Enge-Amp. Dieser feurige Verstärker des ehemaligen Megadeth-Gitarristen ist nach seiner Auswahl aus besten Parts verschiedener Tops zusammengestellt worden.

 

Teuflische Klänge


Ritchie Blackmore, Steve Morse und zuletzt Victor Smolski – und nun also Marty Friedman. Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt der Mann aus Washington die Hard’n’Heavy-Szene mit seinem Spiel; die Amps seiner Wahl sind dabei schon seit geraumer Zeit Produkte aus dem bayerischen Tittmoning. Im Vorwort der Bedienungsanleitung beschreibt er die Hintergründe zur Entstehung des Inferno: „Seit ich mit Engl arbeite, habe ich für jedes Album und jede Tour eine Kombination ihrer populärsten Amps verwendet: den Steve Morse [meist für Leads], den Special Edition, den Powerball sowie den Invader. Während der Sessions für mein Inferno-Album haben die Engl-Ingenieure analysiert, wie ich diese Amps einsetze, und bekamen von mir dabei detaillierte Infos, welche Sounds ich mochte, welches meine bevorzugten Settings waren und welche Features der Amps ich brauchte – und welche nicht. Die folgende Inferno-Welttournee gab ihnen ausreichend Zeit, um auch meine Live-Erfordernisse erkunden. Mit all diesen Informationen kreierten wir diesen neuen Monster-Amp.“

 

 

Beginnen wir mit dem, was Marty nicht braucht, auch wenn es heute bei vielen Amps Standard ist: Am Inferno finden sich weder Presence- noch Hallregler, auch auf eine Leistungsreduktion verzichtet der 100-Watt-Bolide. Wer wie Marty auf großen Bühnen zu Hause ist, fährt seine Backline auch gerne mal aus. Das Design des Amps ist Engl-typisch, die Farbgebung weniger. Das Weinrot-Finish wirkt ebenso originell wie edel – vor allem in Kombination mit den glühenden Röhren. Im Vergleich zu vielen Modellen des Hauses macht der Inferno einen übersichtlichen Eindruck: zwei identisch aufgebaute Kanäle mit Gain, Volume und passivem Dreiband-EQ, dazu ein paar Schalter und ein einzelner Master-Regler.

Mehr ist nicht dran


Mehr ist nicht dran? Von wegen. Natürlich ist mehr dran – wenn auch nicht immer sofort ersichtlich. Die erste Option, die diesen Zweikanaler fast schon zu einem Vierkanaler aufbläst, ist die Boost-Funktion, die auf beide Kanäle gleichsam wirkt und reichlich Gain zuführt. Die Kanäle unterscheiden sich in der Zerrintensität; Kanal 1 ist zu Recht nicht als „Clean“ betitelt, denn er kann zwar auch – und das recht lange – saubere Töne erzeugen, mit ein paar Handgriffen mutiert er jedoch zum klassischen Rocker. Über einen Bright-Switch können bei Bedarf die Höhen angehoben werden, was vor allem einer Humbucker-Gitarre im Clean-Betrieb zu mehr Biss und Brillanz verhilft. Mit Singlecoils kippt dieser Kanal etwa in der 15-Uhr-Stellung in einen satten Crunch, bei Humbuckern liegt dieser Übergang im Bereich zwischen Mittelstellung und eben jener 3/4-Stellung. Will jemand den Inferno für Funk, Jazz und ähnliches „missbrauchen“, sollte Gain jenseits der 12 Uhr stehen.

Kanal 2 ist, wie erwartet, der Rocker. Er bringt nicht nur höhere Gain-Reserven mit, er wurde auch klanglich anders abgestimmt. Der Inferno liefert also neben zwei verschiedenen Zerrgraden zusätzlich zwei tonale Optionen. Statt eines Bright-Schalters hat Engl dem zweiten Kanal einen Tone-Switch mitgegeben, der ein breites Mittenspektrum beeinflusst – bei Bedarf wird der Pegel im Frequenzbereich zwischen 300 Hz und 1,5 kHz angehoben. Damit wird der Ton verdichtet und setzt sich so besser durch. Daneben bietet dieses Feature schlicht eine zweite Sound-Option für den persönlichen Geschmack; verschiedene Pickups können hierdurch angepasst werden.

 

 

Das bleibt hängen

Schnörkellos und doch voller Features. Vor allem die Soundpalette des Inferno beeindruckt. Die perfekte Abstimmung der beiden Kanäle öffnet den Amp für weit mehr als nur Metal, auch wenn seine Optik eine klare Richtung vorgibt. Und natürlich liefert er auch ein Metal-Brett par excellence – aber eben nicht nur das. Mit Marty Friedmans Inferno-Top ist Engl ein weiterer großer Wurf gelungen.

Text: Chris Hauke

Fotos: Christopher Przybilla

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Teuflisch rot: Der Engl Inferno macht seinem Namen alle Ehre