Test: Proco Rat 2, Turbo Rat, Rat Solo

Nach fast vier Jahrzehnten ist sie noch immer ein Verzerrer der ganz besonderen Sorte: die Ratte aus dem Hause Proco. Wir haben uns für euch die altgedienten Modelle und die moderne Variante angeschaut.

Im Laufe seiner Karriere hat das außergewöhnliche Pedal seinen Platz auf den Boards diverser Gitarrengrößen gefunden: Ob Jeff Beck, Kurt Cobain, Andy Summers (The Police), Peter Buck (R.E.M.), Joe Perry (Aerosmith) oder Mike Campbell (Tom Petty & the Heartbreakers) – der spezielle Sound der Ratte zwischen Overdrive und Distortion hat Gitarristen quer durch die Stilarten und Dekaden inspiriert.

Das erste Rat-Serienmodell kam 1979 auf den Markt. Aktuell hat Proco, eine Firma aus dem US-Bundesstaat Michigan, sechs verschiedene Varianten für jeden Geschmack im Programm. Neben den drei Testpedalen wären da noch noch die Modelle Deucetone Rat (zwei Einheiten in einem Gehäuse), You Dirty Rat (mit Germanium-Dioden und einer Extra-portion Fuzz), Fat Rat (mit schaltbarer Mosfet-Sektion) sowie eine Variante für Bassisten namens Juggernaut. Die beiden traditionellen Pedale sind mit identischen Bedien-elementen bestückt: „Distortion“ regelt den Anteil der Verzerrung, „Volume“ die Ausgangslautstärke, der Regler dazwischen nennt sich „Filter“ und schneidet bei zunehmendem Regelweg die Höhen ab. Man kann also schnell und stufenlos zwischen soft und bissig-aggressiv wählen.

Rat 2

Seit 1988 wird die Rat 2 in dieser Form gebaut. Sie ist die Weiterentwicklung der Urform und führt damit die Familientradition fort. Zwischen Overdrive und Distortion angesiedelt und bei extremeren Settings mit einem Hauch Fuzz garniert, erzeugt die Ratte einen ganz eigenen Sound, der Gitarren mit einem ordentlichen Maß an Gain und Kompression zum Singen bringt. Das Ergebnis sind jede Menge Sustain und ein Umkippen in Feedbacks auch bei Zimmerlautstärke. Im Vergleich zur Turbo Rat fällt auf, dass die Zerre schon früh im Regelweg intensiv einsetzt. Durch den Filter-Regler lassen sich sowohl höhenarme, komprimierte Sounds nach Art von ZZ Top in den Achtzigern erzeugen, aber auch durchschneidende Riffs und Leads abfeuern. Einstellungsvorschläge in der Bedienungsanleitung geben einen ersten Anhaltspunkt über die Möglichkeiten.

Übrigens: Ein würdiges Denkmal hat Blur-Gitarrist Graham Coxon dem Rat 1997 gesetzt (besonders gut seht ihr ihn ab Minute 1:25)

Turbo Rat

Nicht nur einen, sondern gleich zwei Schritte weiter geht die Turbo-Version. Mit doppeltem Maximal-Output bringt sie zwar mehr Gain, dafür aber weniger Sustain und Kompression auf die Waage. Der Zerranteil ist dabei gleichmäßig über den Regelweg verteilt. Bei niedrigen Settings wird der Ton nur dezent an-geschoben. Am anderen Ende warten Gain- Reserven ohne Ende, die auch schwachbrüs-tige Singlecoils zur satten Kelle aufblasen. Im direkten Vergleich wirkt die Turbo-Ratte dynamischer, straffer und kerniger – sie unterscheidet sich also nicht nur durch ihren Namen und die roten Farbnuancen deutlich von der Rat 2. Auch die Filter-Sektion ist anders abgestimmt und greift schärfer ein. Hier kommt neben dem persönlichen Geschmack und dem präferierten Musikstil auch der verwendete Amp ins Spiel.


Mit dem Vox AC klang mir das Pedal trotz seiner gut handelbaren Verzerrung bis zur Filter-Mittelposition tendenziell etwas harsch; beim 800er-Marshall sah das dann wieder ganz anders aus – in Kombination mit einem angezerrten Grundsound erwächst die Turbo Rat zur Hardrock- und Metal-Macht. Kein Wunder, dass Proco sie speziell für Marshalls empfiehlt. Sound ist bekanntlich Geschmacksache, aber grob könnte man sagen, dass sich die Turbo Rat mit ihrem straffen Sound eher für tighte Metalriffs als für psychedelische Soli mit Fuzz-Factor eignet, während die Rat 2 im weiten Feld von Rock, Indie und Alternative gut aufgehoben ist.

Und noch ein weiterer Faktor dürfte bei der Auswahl zwischen den beiden eine Rolle spielen: der Preis. Die Turbo Rat kostet im Laden fast doppelt so viel wie die Rat 2. Das kann mit Stückzahlen, Fertigungsstätten oder auch mit Firmenpolitik zu tun haben – der Schritt von 90 Euro zu 160 Euro ist jedenfalls ein großer.

Der Nachwuchs: Solo Rat

Doch Proco ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern will mit dem Solo auch diejenigen Gitarristen ansprechen, die mit den verschiedenen Ratten-Versionen eher wenig anfangen können. Und das sehr offen und humorvoll.

Zitat: „Wenn du den Sound einer Rat nicht magst, probiere den Solo. Er ist die beste Anti-Ratte auf dem Planeten.“

Der Solo setzt sich also bewusst ab und bricht mit den Traditionen des Hauses. Neben der Farbe und dem Modus-Schalter fällt vor allem ein viertes Poti namens „Scoop“ ins Auge. Es dünnt die Mitten aus, und das bei Bedarf ziemlich massiv. Gemeinsam mit dem „Tone“-Regler, der sich um die höheren Frequenzen kümmert, lässt sich der Sound sehr vielseitig feintunen, die Spanne reicht dabei von erdig bis radikal. Neben der Front wurde auch das Innenleben eigenständig designt.

Grundlage dabei ist ein Konzept namens „Asymmetrical Clipping“. Hierbei unterscheiden sich die obere und die untere Amplitudenhälfte des Signals, der Sound wird dadurch nicht gleichmäßig und warm, sondern böse und fies. Drei verschiedene Modi lassen sich über einen versenkten Schiebeschalter anwählen: „Hot“, „Melt“ und „Burn“. „Hot“ soll dabei einem Vintage-Amp mit geringer Leistung nacheifern, die anderen beiden Modi einem modernen High-Gain-Verstärker mit reichlich Power. In der Praxis unterscheiden sich die zwei Ansätze auch mit unterschiedlichen Ausgangslautstärken. „Hot“ ist dabei der dezenteste der drei Modi; hier lassen sich High-Gain-Sounds auch schon bei niedrigen Pegeln erreichen.

Dass sie daneben auch „normal“ kann, macht die Nicht-Ratte besonders vielseitig. Dezent eingestellt, liefert der Solo organische Crunch- und Zerr-Sounds, die auch die Blues- und Classic-Rock-Fraktion ansprechen dürften. Am anderen Ende seines Spektrums kommen dann die Fans von Pantera & Co. auf ihre Kosten.

Im Laden wird der Solo für etwa 230 Euro angeboten. Damit ist er zwar noch immer kein Schnapper, mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und seiner „Handmade-in-America“-Bauweise bietet er jedoch einen realistischen Gegenwert für Gitarristen, die ihren Sound bei Bedarf auch in Grenzbereiche treiben wollen.

News: Für die Namm 2018 plant Proco außerdem, den legendären Rat-Sound in ein Gitarrenpedal einzubauen. Hier erfahrt ihr mehr dazu.

Text: Chris Hauke

Geschwister im Geiste: Der Rat 2 von 1988 und die Turbo-Ratte als Weiterentwicklung.

Geschwister im Geiste: Der Rat 2 von 1988 und die Turbo-Ratte als Weiterentwicklung.